Rezension: Unzugänglichkeit des Selbst (Filip Gurjanov)

Zugegeben, mein Philosophiestudium ist schon eine Weile her. Fünf Jahre, um genau zu sein. Doch das Interesse an der “Liebe zur Weisheit” ist geblieben. Und damit auch mein Bedarf nach vielversprechenden Büchern in dieser Hinsicht. Aber gehört Unzugänglichkeit des Selbst dazu?

Wer bin ich eigentlich?

Wohl jeder stellt sich diese Frage im Laufe seines Lebens. Wer sind wir auf dem Urgrund unseres Daseins? Mit seinem Buch Wer bin ich – und wenn ja wie viele? rückte der medienbekannte Philosoph Richard David Precht dieses existenzielle Thema in das Bewusstsein der Öffentlichkeit.

Unzugänglichkeit des Selbst* hingegen widmet sich dieser Frage weniger populärwissenschaftlich, aber dadurch nicht minder spannend. Im Gegenteil: Die verschiedenen Autoren, darunter Julian Ernst, Elise Coquereau und Sophie Tysebaert nähern sich der Faszination des menschlichen Selbst aus verschiedenen Perspektiven mit philosophisch-historischem Hintergrund. So lauten die Titel einiger Essays:

  • “Was ist das Selbst? Zugänge zu einem Unzugänglichen” (Hans Rainer Sepp)
  • “Die Inszenierung des Subjekts. Für eine Neubewertung unserer philosophischen Erbschaft” (Luis Fellipe Garcia)
  • “Max Stirner und das gnostische Selbstverständnis” (Ronald Hinner)
  • “Keiji Nishitani: Die Person als Maske des absoluten Nichts” (Filip Gurjanov)

Dabei sollte der Leser sich eines bewusst machen: Anders als bei Precht sind die Texte an ein anspruchsvolleres Publikum und nicht an den Massenmarkt gerichtet. Wer sich für die Lektüre entschließt, bekommt es mit Erörterungen auf akademischem Niveau zu tun. Dies ist jedoch kein Manko, sondern bereichernd angesichts unserer schnelllebigen Zeit, in der für jedes Problem einfache Antworten gesucht und doch nicht gefunden werden. In diesem Werk geht es schlichtweg ausführlicher, damit aber auch tiefgründiger zu.

Themen, die uns alle betreffen

Entgegen landläufiger Klischees bieten philosophische Essays sehr wohl lebens- und praxisbezogene Erkenntnisse. So schreibt Benjamin Kaiser in “Steigen und Fallen”:

Das Erkennen des Selbst geschieht durch einen Einbruch. Dieser Bruch stellt die Differenz zwischen Ich und Selbst, bzw. Geist und Leib dar, welche nur in einer Krise erfahrbar werden kann.

Kaiser spricht damit ein hochaktuelles Problem in einer globalisierten, hektischen Welt an: Wer sind wir und inwiefern erschüttern Krisen unsere als stabil geglaubte Existenz? Wie können wir uns in einer solchen Extremsituation neu begegnen, läutern und erfahren? Kein Wunder also, dass Kaiser diese Fragen anhand der Zarathustra-Rede “Vom Baum am Berge” von Friedrich Nietzsche ergründet.

Und um Ergründung geht es schließlich in Unzugänglichkeit des Selbst. Dieser sind jedoch Grenzen gesetzt, wie der Titel bereits erahnen lässt. Dabei finden sich in den verschiedenen Texten Elemente anderer Philosophien wieder – zum Beispiel aus dem Buddhismus. Bin ich überhaupt? Was ist das “Ich” und kann ich mich selbst mit Ratio und Emotionen betrachten? Filip Gujanov und die anderen Autoren haben keine endgültigen Antworten darauf. Wohl aber kluge Gedanken, die lesenswert und inspirierend sind.

GURJANOV, FILIP (Hg.): Unzugänglichkeit des Selbst. Traugott Bautz, Nordhausen 2017, 335 S., 70,00 €

Anmerkung: Ich bedanke mich bei der Verlag Traugott Bautz GmbH für die Zusendung eines Rezensionsexemplares.

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