Wu wei: Durch Nichthandeln erfolgreich sein (4-Schritt-Anleitung)

Wieder sind draußen 30 Grad im Schatten. Wieder drückt die Hitze, wieder spüre ich Antriebslosigkeit. Und Wut darüber, dass ich nicht so funktioniere wie sonst. Kein Wunder, dieser Sommer war eine klimatische Katastrophe, die Menschen, Tieren und Pflanzen alles abrang. Aber wenigstens eine Erkenntnis in diesem Glut- und Dörrofen war positiv und über diese möchte ich schreiben.

Wu – was?

Wu wei klingt zackig wie Kung Fu. Doch es geht in eine andere Richtung.

Ich hatte bis vor Kurzem noch nie von Wu Wei gehört, wohl aber vom Daoismus, aus dem der Begriff stammt. Der Daoismus geht davon aus, dass das Universum vom alles durchdringenden Prinzip Dao durchzogen ist. Daoisten richten ihre Lebensführung nach diesem Prinzip aus. Dazu gehört auch, den eigenen, im Inneren angelegten Weg zu finden und zu gehen.

Soweit ist das eine Sichtweise, die viele westliche Strömungen bis hin zu Tschakka-Coaches teilen. Wir kennen Aufforderungen wie:

Finde deine Bestimmung und dann streng dich an!

Also stürzen wir uns hochmotiviert in Aktionismus. Hauptsache, wir tun und sind immer fleißig. Das ist die Kernbotschaft. Erfürchtig lauschen wir Geschichten von Unternehmern, die täglich 16 Stunden oder mehr für ihren Erfolg malocht haben. Der Daoismus hat hier einen völlig anderen Ansatz, das Wu wei. Es bedeutet in etwa:

Handeln durch Nichthandeln.

Das Besondere am Wu wei: Durch Nichthandeln geht der Mensch mühelos seinen Weg. Mühelos deshalb, weil man sich im Zustand von Wu wei nicht der universellen Kraft des Dao entgegenstellt. Vielmehr fließt der Mensch dann mit dieser Urkraft und erkennt, wann Handeln sinnvoll ist und wann nicht. Davon handelt auch die von mir hochgeschätzte Kampfkunst Wing Tsun, zu der ich zeitnah auch noch einen Artikel veröffentlichen werde.

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Anm.: Bei den Buchempfehlungen handelt es sich um Affiliate-Links.

Wu wei = Die Anleitung zum Faulsein?

Freuen Sie sich nun darüber, dass Sie mit Wu wei eine spirituelle Ausrede zum Faulenzen gefunden haben? Da muss ich Sie enttäuschen. Faulheit bedeutet, Dinge schleifen zu lassen, obwohl man genau weiß, dass sie getan werden müssen. Wu wei dagegen folgt dem Prinzip, dass Sie sehr genau mitbekommen, wann Sie handeln sollten und wann nicht.

Hier zeigt sich die Schieflage der Moderne, in der die drei Buchstaben T-U-N zum neuen Heilsversprechen wurden: sich in Arbeit hineinzustürzen, immer geschäftig sein. Wenn wir so handeln, dann folgen wir nicht dem Dao, sondern wollen etwas vom Leben erzwingen. Wir akzeptieren dann nicht, wenn die Zeit gekommen ist, einen Gang herunterzuschalten.

Wu wei in 4 Schritten umsetzen

Wer sich in Wu wei begibt, der tankt Kraft und ist umso erfolgreicher in seinem Handeln. Mit den folgenden 4 Schritten gelingt Ihnen das im Alltag.

1. Meditieren

Ein Zen-Sprichwort besagt:

Meditiere 20 Minuten täglich. Es sei denn du hast keine Zeit, dann meditiere eine Stunde.

Was will uns diese paradox anmutende Weisheit sagen? Wie so oft im Zen ist der Widerspruch der Stein, an dem wir uns stoßen sollen. Um die Wahrheit hinter diesem Widerspruch zu erkennen.

Ich würde das mal so übersetzen, die Zen-Meister dieser Welt mögen mir eventuelle Irrtümer verzeihen:

Wenn du glaubst, keine Zeit für eine kurze Meditation zu haben, sitzt du schon in der Falle.

Und aus dieser können Sie sich nur befreien, indem Sie mit radikalen Lösungen aufwarten, die gegen das Gefängnis Ihres Verstandes arbeiten. Der würde Sie nämlich am liebsten den ganzen Tag durch die Gegend scheuchen, ohne dass Sie zur Ruhe kommen.

Genau das ist aber das Geheimnis von Wu wei: durch innere Zentrierung – und nicht anderes ist Mediation – kommen Sie in Ihre Ruhe. Sie können von diesem kraftvollen Ort aus Dinge geschehen lassen, Kontrolle abgeben, sich entspannen. Womit wir bei einem weiteren wichtigen Schritt wären.

2. Loslassen

Wu wei hat mit der Einsicht darin zu tun, dass wir vieles nicht kontrollieren können. Und was sich unserer Kontrolle entzieht, das können wir doch auch loslassen anstatt uns dadurch Energie abziehen zu lassen. Oder? Hier ein paar Beispiele, was wir alles loslassen dürfen:

  • Erwartungen
  • Den Partner
  • Ärger über andere Menschen
  • Besitzdenken
  • Die Vergangenheit
  • Vergleiche mit anderen

Bedenken Sie: Loslassen bedeutet nicht, dass Sie gleichgültig werden. Oder Sie Ihr Leben nich in die Hand nehmen. Ganz im Gegenteil. Denn wie heißt es so schön?

Wer loslässt, hat beide Hände frei.

Wir können weder andere Menschen noch deren Gefühle kontrollieren. Und auch nicht, ob das Unternehmen, in dem wir arbeiten, morgen pleite geht oder nicht. Wir können ja nicht einmal unsere eigenen Körperfunktionen kontrollieren. Auch wenn es diejenigen mit Anstand unter uns immerhin versuchen. ;-)

Loslassen kann man nicht in der Theorie lernen, sondern nur durch Übung. Schließen Sie die Augen, denken Sie kurz (!) an eine Situation, die Sie loslassen möchten und sagen Sie sich innerlich:

Ich lasse los.

Warum Sie nur kurz an die Situation oder den Menschen denken sollen? Weil wir nicht wollen, dass Sie sich zu lange auf das Problem konzentrieren. Energie folgt der Aufmerksamkeit und wir möchten nichts füttern, was wir eigentlich loslassen möchten.

Widmen Sie sich nach dieser Übung also wieder Ihren Tagesaufgaben und vertrauen Sie darauf, dass das Universum für Sie arbeitet, um loszulassen. Erkennen Sie dabei, dass Loslassen ein Prozess ist, den Sie nicht beschleunigen können. Alles kommt und geht in seinem eigenen Tempo.

3. Leichtigkeit lernen

Für viele Menschen ist ein Ding der Unmöglichkeit, Leichtigkeit in ihr Leben zu bringen. Dabei könnten sie sich allein schon dadurch viel stärker in diese Richtung bewegen, wenn sie damit aufhören würden, sich jeden Tag aufs Neue selbst das Leben zu erschweren: mit Horrormeldungen, toxischen Freundschaften oder Kalorienbomben. All das zieht uns runter, lässt uns in unserem Körper bleischwer fühlen.

Sie möchten entspannter durchs Leben gehen? Dann lesen Sie diese 10 Tipps für mehr Leichtigkeit.

4. Dankbarkeit üben

Dankbarkeit entspannt. Und Wu wei ist der Zustand der Entspannung. Eine der einfachsten und effektivsten Methoden, in das schöne Gefühl der Dankbarkeit zu kommen, ist die Beantwortungen dieser Frage:

Wofür bin ich heute dankbar?

Schreiben Sie alles auf, was Ihnen in den Sinn kommt und zwar täglich. Erstellen Sie diese wunderbaren Dankbarkeitslisten und lesen Sie sich diese regelmäßig durch.

Bereits der Prozess des Aufshreibens sorgt dafür, dass sich das warme Gefühl der Dankbarkeit in Ihnen ausdehnt. So können dieses Gefühl mit der Zeit immer länger genießen. In der Dankbarkeit sind sie ruhig und freudig, Sie entspannen sich. Wodurch Ihnen alle vorher genannten Schritte leichter fallen werden.

Warum wir Wu wei nicht respektieren

Leiste viel und du bekommst viel. Leiste mehr und du bekommst noch mehr.

Aus diesem Credo heraus folgt die Selbstoptimierung. Jede Minute des Tages muss perfekt eingetaktet sein, genau wie der Speiseplan. Zwischendurch gibt es ein Workout und am Abend lässt sich auch noch eine halbe Stunde Meditation vor dem Fernseher ausüben.

Natürlich ist es wichtig, sein Leben in geordnete Bahnen zu lenken. Und dazu gehört auch, sich hin und wieder einen Apfel statt der Currywurst zu gönnen und mal lieber die Treppe statt den Aufzug zu nehmen. Aber im Zuge der Selbstoptimierung hat dies krampfhafte Dimensionen angenommen. Viele Menschen setzen sich durch Lifestyletrends unter Druck und fühlen sich wie Versager, wenn sie ihre hohen Ansprüche an sich selbst nicht erfüllen können.

wu-wei-leben
Wu wei kommt da einer Erlösung gleich. Dort ist Platz für Passivität, für das Nichthandeln. Und dieser Platz wird wertgeschätzt, als wichtiger und notwendiger Raum, in dem wir wachsen, uns entwickeln und wieder zu Kräften kommen dürfen. Die Folge ist, dass wir entspannter, fokussierter und glücklicher sind.

Das Lebensgefühl lässt sich in etwa so beschreiben, als würden Sie in einen Zug einsteigen und im gemächlichen Tempo an einer wunderschönen Landschaft vorbeifahren. Sie haben dabei keinerlei Zweifel an der Tatsache, dass Sie ankommen werden, sondern genießen einfach die Fahrt bei einer guten Tasse Kaffee.

Sie lassen sich also treiben, ohne sich aber gehen zu lassen, denn die Fahrkarte haben Sie vorab und in weiser Voraussicht trotzdem gekauft. Und Sie behalten ein wachsames Auge auf die Strecke, damit Sie rechtzeitig am richtigen Bahnhof aussteigen.

Im Rhythmus des Lebens sein

Die Begegnung zwischen mir und Wu wei kam zum idealen Zeitpunkt, was ironischerweise im Sinne des Daoismus ist. Es ist okay, bei 30 Grad und mehr milde mit sich zu sein. So hole ich mir in Phasen des Nichthandels die nötige Kraft zum Handeln und achte zugleich die Rhythmen des Lebens. Wenn Sie sich also immer wieder zwingen, zu handeln, dann beschäftigen Sie sich einmal mit Wu wei. Denn gerade das Nichthandeln könnte Sie zum gewünschten Ziel führen.

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