Als Autor wirtschaftlich denken

Wie jede andere Tätigkeit bietet das Schreiben auf professioneller Basis eine Einnahmequelle. Wer sich vom Hobby – Autoren zum ernstzunehmenden Schriftsteller entwickeln will, muss früher oder später wirtschaftlich denken. Aber bedeutet das nicht, dass ich als Autor meine kreative Autonomie aufgebe? Keineswegs.

Zeit ist Geld

Im Gegensatz zu den USA gilt in Deutschland nach wie vor die Trennung zwischen Unterhaltung und Literatur. Wer spannende und populäre Bücher schreibt, will damit nur Geld verdienen und hat keinen Anspruch – so der Duktus vieler Kritiker. Einem deutschen Schriftsteller ist es buchstäblich verboten, historisch brisantes Material mit Fantasie zu vermischen. Im März dieses Jahres erschien dazu ein sehr lesenswertes Interview mit Frank Schätzing.

Dabei bietet das Schreiben unter den kreativen Handwerken einen großen Vorteile: Schriftsteller brauchen nur wenige Utensilien, um sofort loslegen zu können. Früher waren es Stift und Papier, dann die Schreibmaschine und heute der Laptop oder PC. Tablets und Smartphones zähle ich nicht dazu, weil es wirklich keinen Spaß macht, auf diesen Geräten längere Texte zu schreiben (ich habe es probiert und hatte das Gefühl, mir eine Sehnenscheidenentzündung dabei zu holen).

Der Musiker muss in ein teures Instrument investieren und Notenbücher bzw. Zettel kaufen. Der Maler braucht Leinwände oder taugliches Papier, Farben bzw. Stifte. Und der Fotograf kann nicht loslegen ohne in ein paar ordentliche Filme oder eine zuverlässige Digitalkamera zu investieren.

Die Investition des Autors

Der Schriftsteller hingegen braucht nicht so viele Utensilien. Seine Investition liegt ganz woanders: In seiner Zeit. Natürlich beanspruchen alle musischen Tätigkeiten Zeit, Leidenschaft und Geduld. Schreiben jedoch ist ein besonders stiller und einsamer, mit vielen Korrekturläufen und Zweifeln behafteter Prozess.

Wer einen guten Text abliefern will, braucht ein hohes Maß an Geduld, Disziplin und Aufmerksamkeit. Denn im Gegensatz zur landläufigen Meinung ist Schreiben ein hartes Handwerk. Diese Zeit muss jedoch irgendwo herkommen. Wer voll berufstätig ist, kann wie John Grisham höchstens in den frühen Morgenstunden schreiben – bevor der eigentliche Tag beginnt. Wie hoch das Maß an Selbstdisziplin für diesen Lebensstil sein muss, brauche ich glaube ich nicht weiter zu erläutern.

Am meisten macht ein Handwerk Spaß und Sinn, wenn es belohnt wird. Kein Unternehmer würde seine Arbeit machen, wenn er nicht bezahlt wird. Kein selbstständiger Finanzberater, Coach oder Filmproduzent würde seine Tätigkeiten über Wochen und Monate unbezahlt verrichten. Manche Autoren tun aber genau das. Wie konnte es dazu kommen?

Die Verantwortung des Schreibers

Woran Schriftsteller relativ wenig bis gar nichts ändern können, ist die Fremdwahrnehmung. Sie müssen gegenwärtig damit leben, dass die Mehrheit der Menschen das Schreiben als eine Art Hobby versteht, das mit Geld wenig zu tun hat.

Natürlich ist es ein langer und langfristiger Weg voller Ungewissheit und ohne Garantie. Bei jedem Buch oder Prosatext frage ich mich: Ist es gut genug? Habe ich Fehler in der Story, in der Logik oder an anderen wichtigen Stellen gemacht? Das sind Fragen, die ich mir immer stellen werde. Sie gehören für mich dazu und sind auch bis zu einem gewissen Maß erwünscht. Denn sie garantieren, dass ich mir Mühe gebe, dran bleibe und versuche, die höchsten Qualitätsstandards zu erreichen.

Die klassischen Denkfehler

1. Ich schreibe allein, also bin ich allein

Im Gegensatz zu den in Zünften oder Gewerkschaften verbundenen Berufsgruppen, die ich oben erwähnt habe, organisieren sich Autoren bisher viel zu wenig oder gar nicht. Sie führen ein Einzelkämpferdasein und hoffen, irgendwie allein mit ihrer Geschichte durchzukommen. Doch ein Schriftsteller ist selten allein am Erfolg beteiligt. Er ist der Urheber, aber er braucht fähige Lektoren, Drucker, Setzer etc. Die Möglichkeiten zur Organisation sind zahlreich und wachsen täglich, wie die Autorenwelt und der Bundesverband junger Autoren und Autorinnen e.V. (BVjA) zeigen.

2. Der Leser kommt an zweiter Stelle

Ein sehr beliebter Denkfehler. Wenn Finanzberater den Investitionsmarkt genau betrachten, StartUp-Geschäftsführer eifrig Kontakte mit Business Angels knüpfen oder Coaches ihre Spezialisierungen anhand des Bedarfs in den Branchen wählen – warum sollte der Autor nicht auf Themen und Gebiete schauen, die gefragt sein könnten? Absurd, oder?

3. Schreiben ohne Struktur

Auch ich habe lange das Märchen vom genialen Einfall geglaubt, der sich wie von Zauberhand zu einer zusammenhängenden Story verwebt. Tatsache ist: Mit einem knackigen Exposé gleich zu Beginn ist Ihnen und dem potentiellen Verlag bzw. der Agentur geholfen. Zum einen verlangen fast alle Beteiligten in diesem Geschäft ein Exposé. Zum anderen hilft es, die eigene Geschichte immer vor Augen zu haben und sich daran „hochzuziehen“.

Die Existenz eines Exposés bedeutet nicht, dass dieses in Stein gemeißelt ist. Wenn ich schreibe, dann entsteht eine Wechselwirkung zwischen Änderungen am eigentlichen Text und am Exposé.

4. Kunst darf nicht kommerziell sein

Und hier sind wir beim größten Denkfehler. Irgendwann hat man uns beigebracht, dass der Wert wahrer Weltliteratur nicht am schnöden Mammon, sondern am Urteil intellektueller Zirkel gemessen wird.

Ich möchte Sie bitten, Ihre letzten drei Buchkäufe gedanklich durchzugehen. Fragen Sie sich, was Sie damals zum Kauf bewogen hat. Sehr wahrscheinlich fließt einer der drei Punkte mit in ihre Einschätzung ein:

  • eine Empfehlung von einer geschätzten Person
  • Marketing/Bestsellerlisten
  • kontroverses Thema

Alle drei Punkte haben eine Gemeinsamkeit: Sie sorgen für Verbreitung. Denn warum sollte ein Buch, das gut geschrieben ist, nicht verbreitet werden? Weshalb soll ein Buch nicht unterhaltsam und anspruchsvoll zugleich sein können?

Was bedeutet wirtschaftliches Denken für den Autor?

Wirtschaftlich zu denken heißt nicht, seinen Stil zu verraten. Es bedeutet auch nicht, den tausendsten Herr-der-Ringe- oder Harry-Potter-Klon zu schreiben, in der Hoffnung, mit auf das Boot des Erfolges springen zu können. Wirtschaftliches Denken bedeutet , seine schriftstellerischen Fähigkeiten nicht sinnlos zu verpulvern, sondern sie gewinnbringend zu nutzen. Es ist verschwendete Energie, einen Roman zu schreiben, den niemand lesen wird. Ego und Eitelkeit sind damit geholfen – der eigenen Karriere nicht.

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