Was darf Satire?

Satire ist so beliebt wie nie. Blogs wie Der Postillon oder Schlecki Silberstein haben täglich tausende Leser. Doch was darf Satire tatsächlich?

Satire und Gesellschaft

Kurt Tucholsky antwortete in seinem Essay 1919 darauf mit „Alles“. Und auch wenn ich nicht seiner Meinung bin, so drückt diese Haltung recht treffend aus, worum es bei Satire geht.

Sie ist das Quantum Unanständigkeit, der bitterernste Protest, der im Gewand der Komik daherkommt. Ein bisschen platt formuliert: Satire ist der freche Klassenclown, der an den Autoritäten kratzt. Und fanden wir den nicht auch unterhaltsam?

Der Ernst dahinter

Wäre Satire eine Geschmacksnuance, dann wäre sie vor allem bitter und ein bisschen süß. Süß in Form einer Pointe, die wir erkennen und darüber lachen. Doch vor allem bitter in Bezug auf den Hintergrund. Denn Satire ist erst dann als solche wirksam, wenn der entsprechend ernste Hintergrund für sie existiert.

Eine besonders krasse Form ist die Realsatire. Anders als die inszenierte Komik ergibt sie sich aus der direkten Beobachtung. Realsatire ist daher besonders tragisch.

Vorsicht vor moralischer Überlegenheit

Satire birgt jedoch auch einige Probleme. Arroganz seitens des Satirikers oder des Publikums zum Beispiel. Denn nicht jeder Spott, nicht jede Häme ist gleich Satire.

Oft genug werden einfach nur platte Beleidigungen oder „Witze“ ausgekübelt. Doch ein ethisches Bewusstsein ist für Satire unerlässlich. Komiker Jan Böhmermann sagte in einem Interview mit der Unicum dazu:

Ein gewisses, gefestigtes, moralisches Koordinatensystem zu haben, das ist hilfreich. Arroganz im Sinne von elitär sein, weil man im Fernsehen auf einer Verkündungsposition steht, wahrscheinlich eher nicht.

Satire ist kein Freischein für alles. Und hier wird es richtig schwierig. Denn wo liegen die Grenzen für Satire?

Satire und Grenzen

Ein sehr beliebter Satz lautet: „Man wird ja wohl noch sagen dürfen …“ Damit sollen Aussagen relativiert werden, die hetzerisch oder in anderer Weise diffamierend sind. Doch haben Hohn und das Schüren von Ressentiments nichts mit Satire zu tun.

Jeder Satire-Fan sollte sich außerdem fragen, wie er sich selbst im jeweiligen Kontext sieht. Es ist natürlich besonders leicht über politische Satire zu lachen, wenn man sich als Außenstehenden und Unbeteiligten sieht. Alles andere würde nämlich bedeuten, dass man eine Mit-Verantwortung an den bestehenden Problemen hat und da hört für viele Leute der Spaß ganz schnell auf.

Doch sie muss frei bleiben

Andererseits: Der Satire eine Grenze des guten Geschmacks aufzudrücken, ist ein Widerspruch in sich. Denn genau das tut ja gute Satire – jene vermeintlichen Grenzen zu durchbrechen, sie zu hinterfragen und Kritik an diesen Grenzen zu üben. Eine Einschränkung der Satire oder sogar ein Verbot sagt mehr über die Gesellschaft aus als über die Satire selbst.

Satire sollte sich außerdem nie abhängig vom Publikum machen. Wer sich Neues aus der Anstalt anschaut oder das Titanic-Magazin liest, wird ohne den entsprechenden Nachrichtenhintergrund kaum etwas verstehen.

Es ist aber die Aufgabe des Publikums, sich vorab zu informieren. Nie sollte ein satirischer Künstler seine Ansprüche herunterschrauben, um einen vermeintlichen Trend zu bedienen. Als ich das Akademische Viertel* schrieb, habe ich an der ein oder anderen Stelle überlegt, ob ich „verharmlosen“  oder „vereinfachen“ soll. Ich entschied mich jedes Mal dagegen, denn das wäre, als würde ich einem Raubtier die Zähne ziehen.

Fazit

Die Kunstform der Satire steckt voller spannender Widersprüche: Sie ist subtil und gleichzeitig ätzend, sie ist bitterernst und lustig, appelliert an die Vernunft und ist respektlos. Darin liegt ihr hoher Unterhaltungswert.

Intelligente Satire ist wie investigativer Journalismus in humoristischer Form. Und auch wenn das Label „Satire“ bisweilen als Tarnung verwendet wird, darf diese Kunstgattung nicht beschränkt werden.

Illustration: Maria John Artwork

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2 Kommentare. Hinterlasse eine Antwort

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Rainer Ostendorf
2. Februar 2017 10:51

“Der große Mangel deutscher Köpfe besteht darin, daß sie für Ironie, Zynismus, Groteskes, Verachtung und Spott keinen Sinn haben.” Otto Flake, Deutsch-Fanzösisches

Schöne Grüsse aus der http://www.freidenker-galerie.de

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