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Warum lesen wir?

Beitragsbild: Warum wir lesen

Ideelle Schätze

Bei der Frage, ob Bücher ein hohes Gut sind, stimmen wohl die meisten zu – auch die, die in Wahrheit nicht gern lesen. Zu einem Großteil mag das daran liegen, dass wir in der Schule beigebracht bekommen haben, dass Lesen etwas Erhabenes ist.

Bücher: Das sind beinahe schon heilige Gegenstände unserer Kultur. Aber ist das der Grund, aus dem wir lesen? Warum machen wir das überhaupt in einer Zeit, in der es so viele Serien, Filme und Games gibt wie nie zuvor?

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Ist Lesen noch echte Faszination?

Mal angenommen, Sie hätten die Wahl zwischen Goethes Faust und dem neuen Stephen King-Thriller. Nehmen wir weiterhin an, Sie dürften in Ihrem Leben nur eines dieser beiden Bücher lesen und niemand würde je erfahren, für welches davon Sie sich entschieden haben. Zu welchem Schmöker würden Sie greifen?

Sie merken schon, worauf ich hinaus will: Lesen erfährt im Rahmen der Geschichte immer wieder einen Bedeutungswandel. Goethes Faust mag damals ‚der heiße Scheiß‘ gewesen sein. Und auch das Bildungssystem pocht darauf, diese Klassiker ihren Schülern zur Analyse und Interpretation vorzulegen. Würde es der Stundenplan hergeben, man wäre gut daran bedient, auch zeitgenössische Literatur in den Klassenzimmern zu besprechen.

Was wir aus dem Deutschunterricht mitnehmen, ist die altertümliche Verehrung jahrhundertealter Bücher. Natürlich sind sie Kulturgüter und es ist erfreulich, dass sich auch heute noch begeisterte Leser dafür finden. Aber lesen Sie diese Bücher? Oder brechen Sie wie so viele eine Lanze dafür und denken insgeheim: „Da werfe ich Zeit meines Lebens keinen Blick mehr rein!“

Die wahren Gründe für Leser

Hier offenbart sich der ewige (und gleichsam sinnlose) Clash zwischen Unterhaltungs- und sogenannter Hochliteratur. In diesen Kategorien zu denken, bringt uns aber nicht weiter. Macht es tatsächlich einen Unterschied, ob ich Kafka oder Schätzing lese? Letzterer hat übrigens ein gutes Statement zu dieser Debatte veröffentlicht. Offiziell haben Unterhaltungsromane die Schmuddelecke verlassen. Herzlichen Glückwunsch – lang genug gedauert hat es ja.

Doch noch immer fühlen viele Leser sich unwohl dabei, ihre Leselust öffentlich zu vertreten. Denn darum geht es doch eigentlich. Um Spannung, Nervenkitzel, eine Geschichte, die uns mitreißt und bewegt, die uns erschüttert, fasziniert, trifft oder erheitert – oder alles zusammen. Warum wir lesen, hat also emotionale und weniger rationale Gründe. Die meisten Leser suchen Unterhaltung. Nur warum greifen sie dann nicht auf leichter verdaulichere Versionen zurück?

Moderne Unterhaltung und ihre Grenzen

Das Gros der Menschen füllt sein ‚Level‘ an Unterhaltung über schnell konsumierbare Kanäle. Das ist keine Kritik, sondern eine Feststellung. Fernsehen und Film erfreuen sich nach wie vor großer Beliebtheit, auch wenn die Generation Y und die Digital Natives vom TV abwandern, was sie nicht besser macht, weil sie stattdessen zu Netflix und Co. pilgern.

Doch warum sind in einer Welt, in der ganze Serienuniversen für unter 8 € im Monat jederzeit betreten werden können, Bücher nach wie vor so beliebt? Im Jahr 2016 besuchten 195.000 Menschen die Leipziger Buchmesse, 9.000 mehr als im Vorjahr. 1,2 Millionen Euro Umsatz wurden verzeichnet. Dieser hält sich übrigens seit zehn Jahren stabil – trotz der enormen Entertainment-Konkurrenz. Was also leisten Bücher, was Serien und Filme nicht leisten können?

Jetzt ist aber Schluss

Um dieses Phänomen zu verstehen, müssen wir uns die Grenzen dieser Medien anschauen, die automatisch in ihrer eigenen Natur liegen. Filme und Serien sind primär visuell – ohne Bild können sie nichts mehr transportieren. Da wäre noch die Akustik, aber wer möchte schon zwei Stunden lang Hans Zimmer zuhören? Ein wesentliches Vermögen des Menschen wird durch diese Medien also nicht angesprochen: die Fantasie.

Genau in diese Kerbe schlagen Bücher. Sie eröffnen den Lesern Welten, die zwar gleich, aber doch wieder völlig unterschiedlich sind. Die Bilder werden beschrieben, doch sie entstehen im Kopf, setzen sich zusammen aus Erinnerungen und Visualisierungen. Lesen ist nicht passiv, sondern ein Gespräch, wie ich schon beschrieben habe. Und wir lesen, weil wir genau diese anregende, aktivierende Funktion brauchen.

Doku vs. Sachbuch

Ähnlich verhält es sich mit den beiden mehr oder weniger direkt in Konkurrenz stehenden Medien (filmische) Dokumentation und Sachbuch. Natürlich können wir uns eine Doku über das Leben eines Menschen anschauen. Aber erfahren wir nicht viel mehr in seiner Biografie? Dort hat er die Möglichkeit, zu und mit uns zu sprechen. Denn wir erinnern uns – Lesen ist ein Gespräch.

Ein weiterer Vorteil des Sachbuchs ist es, dass wir schnell und zu jeder Zeit die gesuchte Information nachschlagen können – sei es durch einen Blick in das Inhaltsverzeichnis oder, noch genauer, im Index.

Das alles klingt so simpel, doch es sind genau die Gründe aus denen die Mehrheit der Leser nach wie vor zum Buch greift: Unterhaltung, Fantasie und Tiefgang.

Fazit

Die Antwort darauf, warum wir lesen, ist vor allem emotionalen Ursprungs. Daher ist selten die Hochkultur die Triebfeder, die uns zum Bücherregal bewegt, sondern die Lust auf Unterhaltung – eine Form der Unterhaltung, die sich auch heute noch klar von anderen Entertainment-Angeboten abgrenzt. Aber natürlich wäre es nicht schlecht, auch mal wieder Goethe zu lesen.

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