Wie Sie den eigenen Stil befreien

Jeder Autor hat seinen persönlichen Stil. Doch was ist das eigentlich – ein Stil? Und wie weit darf der gehen? Ist es noch Stil, ein Manuskript aus dadaistischen Sätzen und ohne Rücksicht auf Groß- und Kleinschreibung zu verfassen?

Fragen Sie doch einmal einen Lektor. Ich bin mir sicher, dass er sich vor solchen Manuskripten gehörig fürchtet. Jedes Buch braucht Grundbedingungen, wenn es erfolgreich sein soll. Das gilt nicht nur für Belletristik.

Auch ein Sachbuch verlangt einen (außer-) ordentlichen Stil: Es braucht eine schlüssige Gliederung und insbesondere bei trockenen Themen kann die stilsichere Verwendung von Humor und Symbolik nur nützen.

Jeder Text verdient Lebendigkeit. Der Leser spürt, ob der Autor intensiv und mit Freude an einem Text gearbeitet hat oder nicht. Wie aber befreit man seinen eigenen Stil?

Definition

Dem Duden nach ist ‚Stil‘ die „[durch Besonderheiten geprägte] Art und Weise, etwas mündlich oder schriftlich auszudrücken, zu formulieren“. Demnach müsste gelten: je ausgefallener desto stilvoller. Sehen wir uns an, warum das nicht stimmt.

Eigensinn = Stil?

Wir alle kennen Autoren, die ihr Werk bei jeder Kritik mit „Das ist eben mein Stil!“ verteidigen. Sie meinen damit ihre unkonventionelle Art, eine Geschichte zu schreiben. Meist sind solche Äußerungen Schutzbehauptungen. In einigen Fällen sind Autoren tatsächlich durch ihre ausgefallene Erzählweise berühmt geworden.

Ein prominentes Beispiel hierfür ist Paulo Coelho, der in seinen Büchern spirituelle Weisheiten einfließen lässt. Oder Günter Grass, der in Die Blechtrommel* ständig die Erzählperspektive wechselt. Solche Sprünge sind das komplette Gegenteil von dem, was uns im Deutschunterricht beigebracht wurde.

Nicht jede Besonderheit bereichert einen persönlichen Stil. Nur weil Thomas Mann halbseitige Schachtelsätze verwendet hat, heißt das nicht, dass das in den persönlichen Stil aufgenommen werden sollte. Oder mögen Sie es, einen Satz immer wieder zu lesen, weil Sie durch fünf Metaebenen verwirrt wurden? Laut dem Schreibexperten Ludwig Reiners gelten bereits Sätze mit einer Länge von 25 bis 30 Wörtern als schwer verständlich.

Leicht verständlich macht schwer Eindruck

Vielen Anfängern unter den Autoren unterläuft ein klassischer Fehler. Sie denken, dass komplexe und tiefgründige Inhalte durch ebenso komplexe Satzungetüme ausgedrückt werden müssen. Heraus kommt dabei eine gestelzte, zum Teil hanebüchene Sprache.

Damit tun Sie dem Leser aber keinen Gefallen. Und ein Lektor unter Zeitdruck wird sich einen derartigen „Stil“ mit Sicherheit auch nicht antun. Die große Kunst ist es, komplexe Sachverhalte leicht verständlich zu vermitteln. Unterschiedliche Ebenen in eine Geschichte zu verweben, ohne dass diese dann überladen wirkt. Hier helfen Ratgeber wie der Studi Scanner, um die Lesbarkeit eines Textes zu verbessern.

Ein gutes Beispiel für einen gelungenen Stil ist der Roman Der Hundertjährige, der aus dem Fenster stieg und verschwand* von Jonas Jonasson. Die Sprache in diesem Buch ist extrem einfach – für meinen Geschmack sogar etwas schlicht.

Und die Geschichte würde ich auch nicht gerade mit einem Kaninchenbau vergleichen. Dennoch wurde das Buch ein absoluter Besteller.

Jonasson hat seinen Plot absichtlich in diese leicht verständliche Sprache gekleidet. So bleibt der Leser trotz der Zeitsprünge und den zahlreichen Charakteren am Ball. Er muss sich zwischendurch keine Fragen stellen wie: „Was meint der Autor damit?“ oder „Wie war noch gleich der Anfang des Satzes?“

Alles läuft flüssig und trotzdem veranschaulicht Jonasson mit voller Wucht und auf mehreren Ebenen die Absurdität und Grausamkeit menschlicher Machtpolitik.

Gerade diese Einfachheit, mit der sein Protagonist Allan Karlsson gedankenlos durch das Weltgeschehen tapst, erzeugt einen bitterbösen Humor – die schlichte Sprache ist das entsprechende Stilmittel, das diesen Eindruck noch verstärkt.

Weniger ist mehr

Wir sehen also, welche Kraft und welche Möglichkeiten in einem einfachen Stil stecken. Aber Stilmittel wirken nur, wenn sie gezielt und mit Bedacht eingesetzt werden. An welcher Stelle eines Textes ein Stilmittel wirkungsvoll platziert ist, kann der Autor aus zwei Quellen schließen:

a) Intuition

b) Fachwissen

Handelt der Autor intuitiv, dann fühlt er, dass er etwas Richtiges tut. Hat er sich die Funktion eines Stilmittels nur angelesen, ohne einen intuitiven Bezug dazu zu haben, findet er nicht die perfekte Stelle dafür. Handelt er aber intuitiv und kennt die Wirkung des eingesetzten Stilmittels, weiß er genau, was er tut. So kann er das volle Potenzial seines Stils entfalten.

Was für einen Text im Gesamten gilt, stimmt also auch für jedes einzelne Stilmittel: Der Autor hat eine Absicht. Er hat einen Grund, warum er am Satzanfang eine Anapher benutzt und keine Alliteration.

Den sollte er zumindest haben. Sonst ist es so, als würde ein Heimwerker Schrauben für ein Regal kaufen wollen, ohne die benötigte Schraubengröße zu kennen. Er kauft irgendetwas in der Hoffnung, dass es schon passt.

Stilblüten welken schnell

Natürlich merkt der Leser, ob der Autor Ahnung hat  oder ob er eine unpassende Metapher nach der anderen bringt. Entsteht erst ein solcher Eindruck, vergeht die Lust an einem Text sehr schnell. Der Leser fühlt sich nicht ernst genommen.

Stil hat weniger etwas mit einer klar umrissenen Definition als vielmehr mit bewusster Auswahl zu tun. Wenn der Autor eines Textes weiß, warum er dieses oder jenes Stilmittel wählt, kann er alles tun. Er kann Erzähltheorien auf den Kopf stellen, eingefahrene Regeln brechen und sehr erfolgreich damit sein.

Wie finde ich meinen Stil?

Die Überschrift dieses Artikels lautet, den eigenen Stil zu befreien. Denn ich glaube nicht, dass man ihn kreieren kann. Der Stil ist letztendlich unsere Sicht auf die Welt in Worten. Er ist wie ein veredelter Trieb. Wir kultivieren unseren Stil, indem wir andere Autoren lesen, das Schreiben üben und uns in Genres und Textgattungen ausprobieren.

Der Stil ist bereits in uns und möchte gefunden und zum Ausdruck gebracht werden. Je häufiger Sie schreiben und sich ausprobieren, desto genauer werden Sie fühlen und wissen, was zu Ihnen passt. Hier sind wir wieder bei dem richtigen Verhältnis von Intuition und Wissen angelangt. Beides wird durch die Erfahrung gefördert. Damit be-fördern Sie Ihren Stil zugleich an die Oberfläche.

Fazit

So unterschiedlich Projekte sind, können auch die Nuancen Ihres Stils sein. Beispielsweise liest sich mein Buch Akademisches Viertel* sehr viel schwarzhumoriger und bildhafter als meine journalistischen Arbeiten. Stellen Sie sich Ihren Stil als eine Art gebündelte Energie vor, die Sie in jedes Textprojekt lenken können. Je besser Sie diese Energie kennenlernen und verstehen, desto effektiver können Sie diese verwenden.

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