Schund: Warum wir manchmal Mist kaufen

Zugegeben: Wir alle greifen hin und wieder ins Schundregal. Vielleicht sogar mit der Absicht, uns am Schrecklichen zu erfreuen. Oder weil wir gehört haben, dass dieses Buch der totale Aufreger ist und man es unbedingt gelesen haben muss. Doch genau damit spielen wir dem Trash-Marketing in die Hände.

Lesen im Schonwaschgang

Auch wenn es auf den ersten Blick nicht danach aussieht: Schundliteratur ist ein ökonomisches Kalkül und zielt immer auf den Massengeschmack ab. Dabei ist das Patentrezept bis auf ein paar abweichende Zutaten stets gleich: Ein öder Stil, jede Menge Sex und eine Handlung, die sich innerhalb der gesellschaftlichen Normen keine Sekunde auf riskantes Terrain begibt.

Die Zutaten für einen typischen Schundroman:

  • vorhersehbarer Plot
  • liebloser Stil
  • Sex und/oder Gewalt im Übermaß

Der Schundroman stopft die Bildungslücke des Spießers. Dabei ist es nicht nur zweitrangig, was er liest, er begrüßt den Schund als vermeintlichen Enthüllungsroman, durch den er sich nicht nur unterhalten, sondern auch noch ein Stück aufgeklärter fühlt.

Der Autor wagt nichts, lässt es aber so aussehen, als würde er sich weit aus dem Fenster lehnen. Bei genauerem Hinsehen bzw. Lesen wird jedoch schnell klar, dass uns einfach nur Des Kaisers neue Kleider zum wiederholten Male präsentiert werden. Schlimmer noch: Die Vergewaltigungen literarischer Kunst finden regen Einzug in die Feuilletons.

Wie wir unser Urteil fällen

Ein Fan von Haudrauf-Komödien wird sich eher nicht für Arthouse begeistern. Genauso verhält es sich mit Büchern. Klassiker von Shakespeare, Wilde, Brecht oder Goethe werden kaum noch gelesen. Auch wenn sie nach wie vor als Weltliteratur gelten, wurden sie doch leise, still und heimlich aus dem öffentlichen Bewusstsein verbannt. Ein Bekannter sagte mir einmal, Faust sei für ihn nicht mehr als eine gute Wärmedämmung.

Umgekehrt betrachten zahlreiche Literaturkritiker Werke wie Der Alchimist* als Schund, während eine große Fangemeinde das Buch als spirituelle Offenbarung feiert. Erfolg und Qualität sind also nicht dasselbe. Ein mittelmäßiger Roman kann sehr erfolgreich sein, während so manch brillantes Buch unter der Flut der Neuauflagen versinkt.

Nackt kam die Fremde

Anfang des 20. Jahrhundert hatte ein Autorenkollektiv eine verwegene Idee: Warum nicht einmal einen richtig schlechten Roman schreiben, der vor Sexszenen nur so trieft und sich trotzdem verkauft wie warme Semmeln? Vor der Veröffentlichung wurden einige Szenen des Buches sogar nochmal umgeschrieben, da sie „zu gut“ waren.

Und tatsächlich: Nackt kam die Fremde* führte trotz seiner miserablen Qualität eine Woche lang die Bestsellerliste der New York Times an. Einige der insgesamt 24 beteiligten Autoren schämten sich so sehr, mit diesem Buch Geld zu verdienen, dass sie an die Öffentlichkeit gingen. Doch selbst diese verzweifelte Maßnahme tat dem Erfolg keinen Abbruch. Ironischerweise erschien die deutsche Erstausgabe von Nackt kam die Fremde im Scherz Verlag.

Ein aktuelleres Beispiel finden wir in Atlanta Nights*, ein Trash-Roman, der ebenfalls von einem Autorenkollektiv im Jahre 2004 veröffentlicht wurde. Der Verlag PublishAmerica nahm das Manuskript an, doch die Autoren deckten den Gag auf.

Tipp: Sie können Atlanta Nights trotzdem kaufen, sämtliche Einnahmen gehen als Spende an die Science Fiction and Fantasy Writers of America.

Den Weichspüler nicht vergessen

Der deutsch-amerikanische Philosoph Herbert Marcuse schreibt in seinem Lebenswerk Der eindimensionale Mensch*:

„Was geschieht, ist sicherlich wild und obszön, männlich und deftig, ganz unmoralisch – und eben deshalb völlig harmlos. Befreit von der sublimierten Form, die gerade das Zeichen ihrer unversöhnlichen Träume war – eine Form, die im Stil, in der Sprache sich ausprägt, in der die Geschichte erzählt wird – , verwandelt Sexualität sich in ein Vehikel der Bestseller der Unterdrückung.“

Marcuses Bezugnahme auf Hollywood lässt sich mühelos auf die aktuellen Marketingmaschen übertragen. Eine eklige Szene hier, eine sentimentale Anekdote da und natürlich eine kitschtriefende Liebesgeschichte.

Hauptsache eklig

Wenn das Konglomerat aus abgeschnittenen Hämorrhoiden, Analfissuren und Fäkalsezierungen erst einmal zwischen zwei Buchdeckel gepresst wurde, können sich sowohl die hochvergeistigten Feuilletonisten als auch die tumben Groschenromanleser daran austoben. Sie alle fallen dann auf den neuen Hurz herein.

Man sollte sich nicht von den Lobeshymnen, derartige Romane seien befreiend, täuschen lassen. Selbstverständlich wird dem konsumierenden Leser jede Interpretation vorweggenommen. Der im Ansatz befreiender Eskapismus wird, wenn überhaupt, nur notdürftig zwangserklärt. Auch der dümmste Leser soll kapieren, warum die Figuren sich so verhalten wie sie sich verhalten.

Nicht noch eine Biografie!

Ein weiteres beliebtes Genre für Schundliteratur ist die sogenannte Promi-Biografie. Der Komiker Oliver Kalkofe entlarvt deren Banalität in seiner großartigen Reihe Nichtgedanken. Kalkofe liest hier Abschnitte aus den Biografien Prominenter und solcher, die es sein wollen. Bis auf einen abschließenden Kommentar konzentriert Kalkofe sich auf den Stoff selbst – natürlich nicht ohne seinen ebenso sarkastischen wie spitzbübischen Unterton in der Stimme.

Kalkofe weiß, dass er die überflüssigen Biografien nicht zu karikieren braucht. Sie sind bereits Karikaturen. So demontieren sich die unsinnigen und hanebüchenen Texte ganz von allein.

Fazit

Der Erfolg von Schundliteratur ist ein Hinweis auf die Werte, die in unserer Gesellschaft existieren: Kaufmännische Cleverness geht vor Feinsinn, Flapsigkeit, Frechheit und Rücksichtslosigkeit werden als Selbstbewusstsein fehlgedeutet. Sexualität ist keine schützenswerte Intimsphäre mehr, sondern zur Schau gestelltes Exponat. Leser und Schriftsteller sollten sich nicht vom Marketing zu Schund verführen lassen – denn es gibt wesentlich stärkere und bessere Literatur.

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