Rezension: Woyzeck (Georg Büchner)

Johann Christian Woyzeck starb am 27. Augustus 1824 in Leipzig. Es war kein friedlicher Tod, sondern eine Hinrichtung vor gaffender Menge. Doch davon handelt Büchners Woyzeck, den wir noch mehr schlecht als recht aus der Schule kennen, nur teilweise. Vielmehr hat der Autor ein Fragment aus realen Fragmenten geschrieben.

Der Hintergrund

Georg Büchner, der gerade einmal 23 Jahre alt wurde, hatte ein kurzes aber bewegtes Leben. Er engagierte sich politisch und setzte sich für die Rechte der Entrechteten ein. Vor diesem Hintergrund muss Woyzeck* verstanden werden.

Büchner hat für sein Buch vier historische Mordfälle herangezogen:

  • Johann Philipp Schneider, einen in Geldnot befindlichen Schustergesellen, der einen Druckereigesellen in Darmstadt erstach
  • Der Tabakspinnergeselle Daniel Schmolling, der seine schwangere Geliebte Henriette Lehne erstach
  • Der Leinenwebergeselle Johann Dieß, der ebenfalls eine Geliebte namens Elisabeth Reuter erstach
  • Johann Christian Woyzeck, seinerseits Perückenmacher, der seine Geliebte Johanna Christiane Woost erstach

Auffällig ist, dass alle vier Fälle dieselbe Mordmethode aufweisen. Der Antrieb war wohl immer derselbe: Verzweiflung. Angesichts der Lebensumstände, in denen die Täter sich befanden, ist das wenig verwunderlich. Deutschland, wie wir es heute kennen, war im frühen 19. Jahrhundert nicht vorhanden. Sozialsysteme gab es nicht, gute Bildung war teuer.

Wer also durch das Raster fiel und sich in Geldnot befand, der landete schnell auf der Straße. So erging es auch dem historischen Woyzeck, dessen Lebensgeschichte als die wichtigste Grundlage für Büchners Buch diente.

Der echte Woyzeck

Büchner hat der Nachwelt ein rätselhaftes Drama hinterlassen. Nur dank akribischer Rekonstruktion blieb es überhaupt in Teilen erhalten. Die Biografie des realen Woyzeck zu studieren, bringt Licht ins Dunkel des literarischen Fragments.

Johann Christian Woyzeck verlor früh beide Eltern. Anschließend begann er eine Lehre als Perückenmacher in Leipzig. Fortan vagabundierte er durch Deutschland und versuchte, auch in Berlin beruflichen Anschluss zu finden. Als das misslang, kehrte er nach Wurzen nahe Leipzig zurück, fand jedoch auch dort keine Stelle.

Tipp: Das Sächsische Psychiatriemuseum in Leipzig bietet weitere Informationen und Einblicke in Woyzecks Leben.

Die Ereignisse spitzten sich zu. Woyzeck begann zu saufen, erste Aggressionen in Wirtshäusern bahnten sich ihren Weg. Und so kam es nach vielen Drohungen, Nachstellungen und Streitereien zum tragischen Mord an seiner Geliebten. Der Fall erhitzte die Gemüter. Zur Hinrichtung kam man trotzdem gern und zahlreich: Tausende Schaulustige verfolgten die Bewegungen des Scharfrichters bei der Vollstreckung durch das Schwert.

Die Gutachten

An sich wäre dieser Fall nicht besonders herausragend. Wirklich spannend ist jedoch das Clarus-Gutachten, welches vom damaligen, hoch angesehenen Arzt Johann Christian August Clarus verfasst wurde. Clarus besuchte Woyzeck im Gefängnis und versuchte, so etwas wie ein psychologisches Profil über den Delinquenten zu erstellen. Dabei muss berücksichtigt werden, dass Freud mit seiner Psychoanalyse erst um 1890 wichtige Erkenntnisse auf diesem Gebiet liefern würde.

Und so blieb Clarus nichts weiter übrig, als Woyzecks Mimik, Gestik und seine Schilderungen für seine Einschätzungen heranzuziehen. Sein Urteil: Woyzeck war während der Tat zurechnungsfähig. Da halfen auch spätere Zeugenaussagen nichts, die Woyzecks Verhalten alles andere als zurechnungsfähig wirken ließen.

Fazit

Mit Woyzeck hat Georg Büchner ein Schlüsselwerk seiner Zeit geschrieben, das zugleich immer ein verschlüsseltes Werk bleiben wird. Wie viel wir auch recherchieren – ein Stück der Wahrheit wird uns immer verborgen bleiben. Fraglich ist auch, warum sich gerade dieses Drama so weit verbreitet in den Lehrplänen der Schulen findet, ohne ebenso konsequent die realen und weitaus interessanteren Hintergründe wie das Clarus-Gutachten zu beleuchten.

BÜCHNER, GEORG: Woyzeck. Studienausgabe. Reclam-Verlag, Ditzingen 1999, 210 S., 5,00 €


Autoreninfo:

Georg Büchner wurde in Hessen als Sohn des erfolgreichen Arztes Karl Ernst und dessen Frau Louise Caroline geboren. Historiker vermuten einen indirekten Zusammenhang zwischen der Familie Büchner und dem realen Woyzeck. So hatte der Vater die Fachzeitschrift Henkes Zeitschrift für die Staatsarzneiheilkunde abonniert, in der das berühmte Clarus-Gutachten abgedruckt wurde.

Zudem wird vermutet, dass Karl Ernst dem echten Woyzeck zu seinen Militärzeiten begegnet ist, da dieser im gleichen holländischen Regiment gedient hatte. Georg Büchner starb mit nur 23 Jahren an den Folgen einer Typhus-Erkrankung. Er gilt als einer der wichtigsten Literaten des Vormärz. Büchners Schaffen wird in Teilen auch der Exilliteratur zugeordnet, da er sich vor seinem Tod einige Zeit in Straßburg aufhielt.

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4 Kommentare. Hinterlasse eine Antwort

  • Avatar
    Christian Milz
    24. Januar 2017 17:23

    Warum beten alle , aber auch alle diesen hirnlosen Unsinn über den historischen Woyzeck nach? Kein Autor mit einigem Anspruch (Büchner vergleicht sich mit Shakespeare, wenn auch etwas schamhaft) würde es sich gefallen lassen, die literarische Selbstständigkeit seines Werkes durch irgendwelche historischen Bezüge kontaminieren zu lassen. Büchners “Danton” ist nicht der historische (geschweige denn sind die weiblichen Figuren historisch korrekt), und Büchners Lenz nicht der wirkliche. Das ist von Büchner benutztes Material, seine Werke muss man zunächst einmal aus sich selbst heraus lesen und verstehen, dann kann man evtl. auch die Quellen einbeziehen und erst dann kann man die gravierenden Abweichungen überhaupt beurteilen. Beispielsweise fehlt das Ernährungsexperiment in der ursprünglichen ersten Fassung des Woyzeck-Fragments, in der sich aber die Mordhandlung abspielt. Mehrfach ändert Büchner die Namen seiner Figuren, zunächst ist der Familienname “Woyzeck” für die weibliche Hauptfigur reserviert, die auf der Bühne umgebracht wird und mit Vornamen Margreth wie das Gretchen aus Goethes Faust 1 heißt, mit der sie in der Tat einiges gemeinsam hat. Mehr dazu. http://www.georg-buechner.net

    Antworten
    • Der Beitrag stellt in keiner Weise die Selbstständigkeit von Büchners Werk in Frage. Selbstständigkeit bedeutet hingegen nicht, dass der Text in einem historischen Vakuum entstanden ist. Die Einbeziehung von Quellen ist darüber hinaus eine logische Herangehensweise, um sich einem literarischen Werk zu nähern. In diesem Zusammenhang empfehle ich einen Besuch im Sächsischen Psychiatriemuseum – hier werden im Rahmen einer Ausstellung Zusammenhänge zwischen dem historischen Woyzeck und Büchners Werk verdeutlicht.

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      • Avatar
        Christian Milz
        25. Januar 2017 18:09

        Selbstständigkeit bedeutet, dass der Text primär aus sich selbst heraus gelesen und interpretiert wird. Nicht um weitere Kontexte auszuschließen, sondern um die sprachlichen Daten möglichst vollständig und unvoreingenommen zu erfassen. Wenn der Autor ein Theaterstück schreibt, dann geht er davon aus, dass es auf der Bühne inszeniert wird, nicht, dass das Publikum vorher kasuistisches Material studiert oder ein Sächsisches Psychiatriemuseum besucht. Es beeindruckt zunächst einmal alleine durch die literarische Qualität. So wie wir eben auch ins Kino gehen oder einen Film ansehen. Weil man das bei Büchner umgekehrt macht, missversteht man ihn grundlegend. Nicht der Fokus auf die Kontexte ist per se problematisch, sondern dass sie dazu dienen, Büchner schlampig zu lesen und bei der Interpretation äußere Akzente zu bevorzugen. Aber bei Büchner hat das Methode.

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        • Die Auseinandersetzung mit historischen Fällen, der Besuch diverser Ausstellungen sowie die Beschäftigung mit der aktuellen Forschung erfolgt logischerweise nach der Lektüre. Auf diese Weise kann ein Erkenntnisgewinn erfolgen. In diesem Zusammenhang von “man” und “alle” zu schreiben, hieße, dass sämtliche Leser und Literaturwissenschaftler die umgekehrte und wenig plausible Herangehensweise wählen.

          Da Sie das Beispiel gewählt haben: Kaum ein Film steht für sich allein. Autoren wie Regisseure schaffen Werke vor einem kulturgeschichtlichen Hintergrund. Sie bedienen sich dem Publikum bekannter Motive, Archetypen und Konflikte. Auch wenn sie sich dessen nicht zwangsläufig bewusst sind. Das gilt insbesondere für die zum Teil unreflektiert gerühmten “Klassiker”.

          Antworten

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