Rezension: Silver Linings (Matthew Quick)

David O. Russells Verfilmung wurde in acht Kategorien für den Oscar nominiert, doch eigentlich gebühren der Roman-Grundlage von Matthew Quick die Lorbeeren. Das Buch geht deutlich mehr in die Tiefe und anders als im Blockbuster mit Bradley Cooper und Jennifer Lawrence ist der Silberstreif im literarischen Original wesentlich schwerer zu erringen.

Ein Lehrer verliert den Verstand

Pat Peoples sitzt in der Psychiatrie. Sein vergangenes Leben als verheirateter Lehrer ist nur noch schemenhaft in seiner Erinnerung vorhanden, ein blasses, fahles Bild von Glück. Doch er bekommt eine neue Chance: Unter der Auflage, regelmäßig therapeutische Sitzungen zu besuchen, wird Pat in die Freiheit entlassen. Vorerst kommt er bei seinen Eltern unter und bereits hier entspinnt sich ein Drama, das den Leser nicht mehr loslässt.

Kuscheltierchen DeNiro

Im Film verkörpert Charakter-Darsteller Robert DeNiro Pat’s Vater: Einen gutmütigen, warmherzigen und liebevollen Altherren, der seinen Sohn zum sakralen Football-Gucken auf die heimische Couch tätschelt und ihm mit Rat und Tat für die neue Zukunft zur Seite steht.

DeNiros Figur könnte sich nicht deutlicher vom Roman-Vater unterscheiden, der sich für die Krankheit seines Sohnes schämt. Roman-Pat ringt um die Gunst seiner Eltern und während seine Mutter ihr Bestes gibt, um ihrem verwirrten Kind Halt und Unterstützung zu geben, hat sein Vater nur Verachtung übrig. Doch Pat hat ein Ziel vor Augen: Die Re-Union, die Wiedervereinigung mit seiner Frau Nikki. Voll darauf konzentriert stürzt er sich in die Selbstoptimierung.

Umdeutung der Metaphern

Im Buch ist Football für Pats Vater eine Flucht vor der Realität, bei Regisseur O. Russell hingegen führt der US-Nationalsport ihn und seinen Sohn zusammen. Sowohl in der Romanvorlage, als auch in der Verfilmung ist Pat leidenschaftlicher Anhänger der Eagles, doch die Bedeutung der Spiel-Übertragung als Symbol für familiäre Dissonanzen wurde Blockbuster-gerecht einfach in eine zusammenschweißende Aktivität verkehrt.

Wo ist der Silberstreif?

Mit der Kino-konformen Heile-Welt-Moral ging dem Film ein großes Stück Erzählung verloren. Pats Lage wird verharmlost, der Silberstreif leuchtet bereits in Form eines fürsorglichen Vaters.

Auch die Umstände sind günstiger: Im Film war Pat acht Monate in der Psychiatrie, im Roman waren es mehrere Jahre, die Ehekrise seiner Eltern wurde komplett rausgeschnitten und die Story mit Gags angefüttert. O. Russell entschärft den Roman nicht nur, sondern veralbert ihn zusätzlich mit Auftritten von Chris Tucker.

Doch in Quicks Buch geht es gerade darum, den Silberstreif zu suchen. Er ist nur eine zarte und äußerst vergängliche Anomalie im bisweilen schmerzhaften Chaos des Lebens. Ohne jenes Chaos fehlt auch völlig der Moment der Errettung, den Pat durch die abgedrehte Tiffany geschenkt bekommt. Sie ist der Silberstreif an seinem zuvor so beschränkten Horizont.

Geraubte Spannung

Wer bisher weder den Film gesehen, noch das Buch gelesen hat, dem sei die Lektüre vorab dringend empfohlen. Denn der Film steigt dort ein, wo der Roman – eben darum spannend und fesselnd bis zur letzten Seite – aufhört. Matthew Quick vertraut auf seine Leser und so vermeidet er es, die Umstände von Pats Psychiatrie-Aufenthalt zu früh zu enthüllen. Indem wir der Logik der Geschichte folgen und dem Autor vertrauen, erfahren wir zum richtigen Zeitpunkt von den dramatischen Hintergründen.

Tipp: Lesen Sie die englische Version, sprachlich ist sie sehr einfach gehalten und macht mehr Spaß.

Der Film geht den genau gegenteiligen Weg: Wir wissen von Anfang an, was geschah und so fühlt es sich an, als würden wir mit Pat auf einem Tandem ohne Luft auf den Reifen fahren: Alles schleppt sich dahin, der Erzählung fehlt das Tempo. Genau wie Pats früheres Leben verläuft der Film in amerikanischen Vorstadt-Bahnen und macht den gleichen Fehler wie viele Roman-Verfilmungen vor ihm: Er wird bequem.

American Dream again

Während Matthew Quick in seinem bewegenden Roman die Liebe im lebensbejahenden Unverhofft kommt oft – Sinne feiert, fokussiert sich der Film auf ein anderes Thema, das zu den USA gehört wie McDonald’s: Der American Dream – du kannst alles schaffen, wenn du dich nur doll genug anstrengst. Es ist eine systemimmanente Illusion, die John Steinbeck bereits vor Jahrzehnten als solche entlarvte (siehe Lesetipp: “Von Mäusen und Menschen”).

Fazit

Damit ein Blockbuster über Herzenswünsche erfolgreich wird, muss der Traum vom großen Glück die zentrale Rolle spielen, und das weiß Regisseur David O. Russell. Matthew Quick hingegen schreibt eine unbequeme Geschichte, die sich tief ins Herz vorwagt und damit absolut lesenswert ist.

QUICK, MATTHEW: Silver Linings. Roman. Picador, London 2010, 289 S., 8,80 €

Autoreninfo: Nach einem Bachelor-Examen in Englischer Literatur und einem Master of Fine Arts arbeitete der US-Amerikaner Matthew Quick als Lehrer in New Jersey. Um genügend Zeit für seinen ersten Roman zu haben, unterbrach er seine Lehrtätigkeit. The Silver Linings Playbook wurde ein herausragender literarischer Erfolg, der 2012 verfilmt wurde. Das Drehbuch verfasste Quick selbst und wurde dafür mit dem Chicago Film Critics Association Award und dem National Board of Review Award ausgezeichnet.

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