Rezension: Brief an den Vater (Franz Kafka)

Zeit seines Lebens litt Franz Kafka unter der Strenge seines Vaters. Um diesem Leiden Ausdruck zu verleihen, schrieb er einen ausführlichen Brief. Doch anstelle von Hermann Kafka bekam ihn nur die Nachwelt zu lesen.

Psychogramm eines Hochsensiblen

Viele von uns haben sich zu Schulzeiten mit dem Leben und Wirken von Franz Kafka befasst. Kafka gilt als einer der bedeutendsten Autoren des 20. Jahrhunderts und wirkte posthum stilprägend, was sich in der Beschreibung kafkaesk widerspiegelt.

Tragischerweise bekam Kafka selbst von seinem Ruhm nichts mit, er wollte seine Werke nicht einmal nach seinem Tode veröffentlicht sehen. Sein Studienfreund Max Brod hingegen glaubte an die Kraft und die Bedeutung von Erzählungen wie Der Prozeß* oder Die Verwandlung* und veröffentlichte die Werke als Nachlassverwalter.

Würde Kafka in der heutigen Zeit leben, hätte er vielleicht eine Chance auf Glück gehabt und womöglich erkannt, dass er eine sensible Persönlichkeit ist, die dieselbe Daseinsberechtigung hat wie die etwas robusteren Charaktere. Hätte er sich mithilfe einer Therapie den Mustern in seiner Vergangenheit stellen und diese heilen können? Vielleicht war dieser Brief das geeignete Therapeutikum für Kafka, eine Form der Reflexion, die ihn unabhängiger von seinem Vater machen sollte.

(K)eine Abrechnung

Kafka schreibt seinen Brief nicht aus einem Zustand des Hasses heraus. Doch obwohl er nicht müde wird zu betonen, dass er seinem Vater Herrmann keine Vorwürfe machen möchte, lesen sich die Beschreibungen häufig wie Angriffe. Ein Beispiel:

“Überdies sammelte sich aus diesen vielen Malen, wo ich Deiner deutlich gezeigten Meinung nach Prügel verdient hätte, ihnen aber aus Deiner Gnade noch knapp entgangen war, wieder nur ein großes Schuldbewußtsein an. Von allen Seitern her kam ich in Deine Schuld.” (S.24)

Die Schuld ist das zentrale Thema in Franz Kafkas Literatur. In Der Prozeß geht es um den Mann Josef K., der für seine Schuld angeklagt wird. Warum, das weiß er nicht und wird es nie erfahren. So muss Kafka sich im Bezug auf die Schuld gegenüber seinem Vater gefühlt haben. Zwar unternimmt Franz Kafka größte Anstrengungen, die Schuldgefühle gegenüber dem Patriarchen zu begründen, aber er kann nur vermuten.

Da Kafka auf ein persönliches Gespräch verzichtete und die Briefform wählte, kann er nur im einseitigen Monolog dem übermächtig scheinenden Vater entgegen treten. An anderer Stelle beschreibt Kafka seine Ohnmacht mit einem Gleichnis:

“Es ist so wie wenn einer fünf niedrige Treppenstufen hinaufzusteigen hat und zweiter nur eine Treppenstufe, die aber so hoch ist wie jene fünf zusammen; der Erste wird nicht nur die fünf bewältigen, sondern noch hunderte und tausende weitere, er wird ein großes und sehr anstrengendes Leben geführt haben, aber keine der Stufen, die er erstiegen hat, wird für ihn eine solche Bedeutung gehabt haben, wie für den Zweiten jene eine, erste, hohe, für alle seine Kräfte unmöglich zu ersteigende Stufe, zu der er nicht hinauf und über die er natürlich auch nicht hinauskommt.” (S.48)

Kafka unterstellt seinem Vater, an der Überwindung niedriger Hürden gewachsen zu sein, wohingegen er selbst bereits an der ersten weil zu großen Hürde scheitert. Für weitere Vergleiche zieht Kafka die Beziehung seiner Schwestern zum autoritären Herrmann heran. Diese, so Kafka, hätten es alle mehr oder weniger geschafft, sich abzulösen.

Der zerbrechliche Franz, der den väterlichen Ansprüchen nie genügen konnte, scheiterte beim bloßen Versuch. Mit diesem Brief befindet Kafka sich in einem Spannungsverhältnis: Einerseits will er sich endlich vom Vater lösen, andererseits bleibt er in dieser Darstellung verhaftet und verstrickt sich tiefer in den Konflikt.

Der leidende Künstler

Es ist ein weit verbreiteter Irrtum, dass nur leidende Künstler große Werke hervor bringen. Natürlich wirkt sich Leiden auf die Arbeit eines kreativen Menschen aus, aber es veredelt nichts und hat nichts Erhabenes an sich. Leid ist Leid und es gibt weitaus bessere Quellen der Inspiration. Allerdings zeigt Kafkas Brief, wie sehr er unter der despotischen Erziehung gelitten hatte.

Fazit

Womöglich hätte Franz Kafka noch sehr viel mehr Bücher schreiben können, die das gefrorene Meer in uns nicht nur zerschlagen, sondern tiefgreifend zum Tauen bringen. Uns bleibt allerdings der Versuch einer Bewältigung in Form dieses Briefes erhalten.

KAFKA, FRANZ: Brief an den Vater. FISCHER Taschenbuch, Frankfurt am Main, 1999, 96 S., 5,95 €

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