Rezension: Die Rede der Religion (Olaf Ludmann)

In Olaf Ludmanns Die Rede der Religion* nimmt es eine der ältesten Vertrauten der Menschheit mit ihren Gegnern auf. Doch damit nicht genug – in seinem Buch kritisiert Ludmann die Verkehrung des Humanismus in eine sklavische Ökonomie.

Schöngeist oder Sittenstrolch?

Wer dieser Tage in den Mainstream passen will, der lobpreist Silicon-Valley-Zeitgeist-Serien ebenso leidenschaftlich, wie er sich über Religionen und ihre Anhänger auslässt.

Nicht selten werfen dabei die Vertreter eines transhumanistischen Menschenbildes Begriffe wild durcheinander: Glaube, Religion, Fundamentalismus, Gott etc.

Ludmann aber geht ebenso differenziert wie gründlich vor. So bedient sich die Religion in seinem Werk verschiedener Stimmen und antwortet auf den Vorwurf, sie würde die Spaltung der Menschheit schüren:

„Kein Papst, kein Bischof, kein Rabbi, kein Imam oder geistlicher Führer vermag mir völlig gerecht zu werden. Zudem urteilt jeder von diesen nur wie er mich von der Position seines Glaubens aus versteht, ohne die Ganzheit meines Seins zu erfassen.“ (S.5)

Dem gegenüber stellt der Autor einen der bedeutendsten Denker des Humanismus: Immanuel Kant , der Urheber der Schrift zur Aufklärung, mit den berühmten Worten:

„Aus so krummem Holze, woraus der Mensch gemacht ist, kann kein ganz Gerades gezimmert werden.“

Weder die Religion, noch die Aufklärung, vermögen es, das Wesen des Menschen zu ändern. Die Religion aber spendet Trost und Hoffnung, wozu die rationale Vernunft nicht imstande ist. Umso klaffender wird die Wunde des modernen Menschen im Prozess der schleichenden De-Individualisierung, die Byung-Chul Han bereits seziert hat.

Weiterhin heißt es in Ludmanns Buch:

„In jedem Individuum erblickt man nur eine Nummer, einen Aktenvorgang. Das ist nun eure aufgeklärte Art der Gleichheit Aller vor eurem Gesetz.“ (S.3)

Die Religion hingegen wird nicht mehr geächtet oder verspottet, sie wird gefürchtet. Ihr jedoch geht es in Ludmanns Verständnis nicht um Ausprägung:

„Mit ist es völlig egal, wie ein Mensch glaubt. Hauptsache ist, daß er glaubt.“ (S.9)

Es ist die historische Sprache der Religion, mit der sie ihren Feinden polemisch und in Anlehnung Luthers antwortet:

„Hier steh‘ ich nun und will es auch gar nicht anders.“ (S.5)

Ähnlich trotzig stellt sich die Vernunft der Religion entgegen. Sie versteht sich in ihrer Tradition als die zurückdrängende, edle und befreiende Kraft. Dass dem nicht so ist, zeigt der Autor in den nachfolgenden Abschnitten.

Unvernünftige Vernunft

Was dieses Werk aus philosophischer Sicht spannend macht, ist die Abrechnung mit der Aufklärung, die im Duktus der westlichen Welt nach wie vor die Krone auf hat. Und wer würde nicht demjenigen zustimmen, der Werte wie Vernunft und Wissen ehrfürchtig hochhält?

Ludmann zeigt allerdings, dass diese Werte, kalt und ohne Seele, ohne Liebe und Hoffnung umgesetzt, in einen stumpfen Rationalismus münden. Denn Vernunft und Wissen allein bringen kein Mitgefühl, keine Menschlichkeit und keine Barmherzigkeit hervor.

Sie lassen sich nicht in einem System vermitteln, das den Menschen zum Konsum formen möchte. Sie können höchstens als zweckdienliche Notwendigkeiten in einem inhumanen Utilitarismus dienen, doch käme dies dem Appell eines reichen Diktators gleich, der sein darbendes Volk bittet, generöser zu werden.

Die Vernunft bieten keinen Platz für die Seele. In diese Bresche springt nach Ludmann die Religion.

Vom überflüssigen Menschen

Nachdem die Religion sich mit den glühenden Verfechtern der Aufklärung auseinandergesetzt hat, gerät der Neoliberalismus ins Visier. Ganz im Sinne dieser Kritik-Tradition thematisiert Ludmann die Weltwirtschaft:

„Wir sind Opfer und Förderer einer Entwicklung ohne Sinn, Zweck und Verstand, aber mit einem Ziel. Und das heißt Effizienz.“ (S.27)

So weit so gut. Doch Ludmann wird kurz darauf noch deutlicher:

„Wer sich traut dieses ganze Treiben und Gerede zu hinterfragen, wird als Störenfried, Gestriger, Langweiler wohlmöglich als Philosoph oder schlimmer gar als Künstler entlarvt.“ (S.27)

Es ist Adam Smiths Prinzip der unsichtbaren Hand, das dem Autor zu schaffen macht. Ludmann fragt sich, was es mit dem geheimnisvollen Markt auf sich habe, von dem die Medien und die Menschen untereinander ständig reden.

Die heilige Cash Cow

Der Markt ist das goldene Kalb der Neoliberalisten, ein selbstregulierender Heilsbringer, ein Perpetuum mobile des Wohlstands. Keinesfalls, so der Tonus des Neoliberalismus, dürfe man dem Markt Restriktionen auferlegen – als handle es sich um ein Tier in freier Wildbahn, das beim kleinsten Eingriff in sein Ökosystem ausstirbt.

Nachvollziehbar zeigt Ludmann, wie perfide sich die Werbeindustrie um jenen Turbokapitalismus schart, indem sie künstlich Bedürfnisse beim Menschen erzeugt. So entsteht im Konsumenten ein chronisches Gefühl von Mangel. Dabei ist es keineswegs paradox, dass der Mensch in der Überflussgesellschaft zum überflüssigen Menschen wird: Er ist Konsument und die Produkte, die er kauft, sollen ihn individuell machen, obwohl oder gerade weil sie für jedermann erhältlich sind.

Nicht nur überflüssig, sondern nutzlos

Die harte Realität für Millionen Arbeitslose wird beschönigt: Eine Entlassung heißt heute nicht mehr Entlassung oder Kündigung, sie heißt „Freisetzung für den Markt“. Euphemismen wie diesen begegnet Ludmann mit Entschlossenheit:

„Die meisten Arbeitslosen empfinden ihre Lage auch nicht als chancenreich, sondern fühlen sich ausgestoßen, nutzlos, gebraucht und weggeworfen.“ (S. 45)

Die Sprache ist verräterischer Spiegel unserer Zeit und ganz besonders Euphemismen offenbaren, was verborgen bleiben soll. Wir befinden uns in einer Dauerschleife der in den Transhumanismus mündenden Optimierung. Auf der Strecke dieser Entwicklung bleibt – der Mensch.

Wohlbekanntes

So gut Ludmanns Analysen auch geschrieben sind: Wirklich neu ist das alles nicht. Die Kritik an der Ökonomie, an Massenproduktion, der Degradierung des Menschen zur bloßen Ware, der Verflachung und Übersättigung des Individuums – all diese Punkte sind längst Common Sense. Jeder weiß von den ausbeuterischen Bedingungen, unter denen Hightech-Produkte in Asien hergestellt werden. Und wenn es richtig schön plakativ werden soll, werden vermeintlich Unwissende damit konfrontiert.

Man kann Olaf Ludmann aus dieser Wiederholung keinen Vorwurf machen. In ansprechendem Stil bringt er längst bekannte Wahrheiten ein weiteres Mal ans Licht bringt. Sein Buch ist eine Welle, die den gefestigten Damm der Ignoranz angreift.

Wir bräuchten allerdings einen intellektuellen Tsunami, der die Barrieren in den Köpfen überspült, doch der moderne Mensch mit seiner chronischen Unkonzentriertheit verträgt nur noch seichte Kost, keine wachrüttelnden Pamphlete und so ist es besser, ihm die Wahrheit in kleinen, aber konstanten Häppchen zu servieren.

Fazit

Olaf Ludmanns Buch ist in verschiedene Abschnitte unterteilt, die alle einen gemeinsamen Gegner haben: Den Effizienz-Fetischismus. In den eigentlich hehren Idealen der Vernunft sieht der Autor die Wurzel für ein kaltes, global operierendes und den Menschen als Teilzeit-nützliche Ware missbrauchendes System. Das entsprechende Andidot sieht Ludmann in der Wiederbelebung von Demokratie, Gerechtigkeit und Verantwortung. Wirklich neu ist dieser Appell zwar nicht, doch bleibt das beste Mittel gegen Borniertheit wohl dessen stete Wiederholung.

LUDMANN, OLAF: Die Rede der Religion: & Identität Individualität Bestialität – Von der Überflüssigkeit des Menschen. buch & netz 2014. 64 S., 22,80 €


Autoreninfo:
Olaf Ludmann wurde in der DDR geboren und unternahm in den 1970er Jahren seine ersten Schreibversuche. 1987 siedelte er in die Bundesrepublik Deutschland über und studierte Sozialpädagogik, Philosophie, Psychologie und Soziologie. Obwohl Ludmann seine Schriftsteller-Karriere mit philosophischen Essays begann, versteht der Autor sich eher als philosophierender Schreiber poetischer Literatur. Ludmanns Debutroman La Novella* erschien 2004 im Wiesenburg Verlag.

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