Packende Orte

Bei Kafkas Der Prozeß waren es zwielichtige Orte wie das Gerichtsgebäude. In Die dunkle Seite des Mondes von Martin Suter ist es der Wald, in dem die Welt für einen Wirtschaftsanwalt Kopf steht.

Der passende Ort ist genauso wichtig wie die Geschichte selbst. Welche Klischees begegnen einem auf dem Weg dorthin? Und warum ist es so wichtig, einen guten Ort für die Story zu finden?

Ortsmarke im Kopf

Woran denken Sie, wenn sie das Wort Horror lesen? An Vampire in dunklen Gruften? Oder maskentragende Mörder, die nachts auf der Straße ihren Opfern auflauern? Vielleicht denken Sie aber auch an einen Clown, der Menschen am helllichten Tag aus dem Gully heraus anspricht.

Mit der Umdeutung des Ortes schlug die amerikanische Horrorliteratur in der Mitte des 20. Jahrhunderts einen neuen Weg ein. Im Gegensatz zu den Gruselgeschichten aus Europa, die vornehmlich in der Nacht und an dementsprechend dunklen Orten spielen, erschufen US-Autoren das Grauen bei Sonnenschein.

Shirley Jackson zählt in diesem Zusammenhang zu meinen Lieblings-Autorinnen. Der Ort ihrer Erzählung The Lottery ist ein ganz alltäglicher Dorfplatz. Doch dort geschehen grausame Dinge, die erst durch die vermeintliche Idylle der Gemeinschaft an einem schönen Tag richtig hässlich werden.

Orte durch Worte

Der tausendste stereotype Saloon für eine Massenschlägerei ist genauso öde wie das viel bemühte Hochhausdach, auf dem das Liebespaar verträumt in den Sternenhimmel schaut.

Wie bei der Figurenentwicklung muss sich der Autor auch im Bereich der Ortswahl vor Klischees hüten. Sonst wirkt die Geschichte dröge und lächerlich.

Eine meiner interessantesten Beobachtungen zum Thema Ort machte ich in Bezug auf Filme. Denn viele erfolgreiche Streifen sind ein wahrer Augenschmaus.

Ein hervorragendes Beispiel dafür ist Lord of War: Der Film beginnt im mafiösen New York. Halt, nein, das tut er nicht! Wir sehen zunächst eine Kamerafahrt über ein Meer aus Patronenhülsen hin zum Protagonist Yuri Orlov, der inmitten dieses namenlosen Kriegsschauplatzes steht, und einen knackigen Werbe-Monolog hält.

Dann folgt das Intro aus dem Blickwinkel einer Gewehrkugel. Von der sterilen Fabrikhalle in den USA tritt sie ihren langen Weg in die Sowjetunion an. Die Kugel wandert weiter, wird zusammen mit ihren kleinen todbringenden Kumpeln auf die Ladefläche eines Trucks irgendwo in Afrika gehievt.

Der Zuschauer sieht den nächsten Ort: Strahlende Sonne, staubiger roter Boden und das Chaos eines tobenden Bürgerkrieges. Erst dann beginnt der eigentliche Film in New York.

Innerhalb von nicht einmal fünf Minuten sind wir ausgehend von einem Kriegsschauplatz zu einer dunklen Fabrikhalle über einen kühlen osteuropäischen Hafen zu einem weiteren Kriegsschauplatz gereist.

Der Ort in der Fantasie

Dieses Konzept des regen Ortswechsels zieht sich durch den ganzen Film: Yuri reist für seine Geschäfte nach Liberia, Südamerika, in die Ukraine, in den Libanon, zu einer Waffenmesse nach Berlin und zu Verkäufen nach Afghanistan. Agenten jagen ihn auf hoher See, zu Land und in der Luft.

So wird ein simpler Plot – Waffenhändler steigt hoch auf und fällt tief – zu einem bunten Knallbonbon verpackt. Was für einen Film gilt, kann beim Buch nicht verkehrt sein. Beide Genres stehen sich sehr nahe.

Der wesentliche Unterschied: Während beim Film jeder Ort auf der Leinwand gezeigt wird, entstehen sie beim Bücherlesen in der Fantasie. Der Schriftsteller ist Maskenbildner, Kostümierer, Regisseur und Drehbuchautor in einem.

Was für eine Aufgabe! Umso sorgfältiger sollte sie in Hinblick auf die Orte ausgeführt werden. Dieses Beispiel verdeutlicht, warum:

Karl betrat die Bar. Am Tresen saß der Mann, den er gesucht hatte. Mit einem schwachen Nicken gab er Karl zu verstehen, sich zu setzen. Der Mann schob ihm das Couvert mit dem geheimen Siegel darauf zu.

Und hier dieselbe Begebenheit anders erzählt:

Karl betrat die Bar, vor der drei Hafenarbeiter herumlungerten und Kautabak auf Möwen spuckten. Im Inneren vernebelte schwerer Qualm die Sicht. Fischer mit weißen Bärten nuckelten an ihren Pfeifen, während sie den fremden Gast ausgiebig musterten. Der Mann, den Karl gesucht hatte, saß am Tresen und tat so, als würde er die gespannte Stimmung nicht bemerken.

Er trug einen dunkelgrauen Trenchcoat, der an der Hockerkante Falten schlug. Der gedrungene Wirt schielte nur kurz zu Karl herüber, bevor er das verschmierte Bierglas in seiner Hand weiter wienerte. Niemand sagte ein Wort. Karl lief über die morschen Planken zum Mann im Trenchcoat.

Das Holz unter ihm ächzte. Mit einem Nicken, so schwach dass er es beinahe nicht bemerkt hätte, hieß ihn der Mann am Tresen, sich zu setzen. Ohne Karl anzusehen, schob er ihm das Couvert mit dem geheimen Siegel zu.

Wie haben Sie die beiden Schilderungen empfunden? Wahrscheinlich wirkt die erste Formulierung recht leblos auf Sie. Wir haben dieselbe Begebenheit gelesen, nur wird sie in der zweiten Version durch die Schilderung des Ortes deutlich atmosphärischer erzählt.

Wir blicken mit dem inneren Auge in diese Bar und jeder von uns hat die drei Hafenarbeiter, den Wirt und den Raum anders im Kopf.

Ist das nicht faszinierend? Dass ein Autor einen Ort noch so detailliert schildern kann, und er trotzdem in jeder Vorstellung anders aussieht? So individuell kann nur ein Buch sein.

Richtig verortet ist gut erzählt

Achten Sie daher immer auf einen stimmigen Ort. Nehmen Sie sich die Zeit für gute Beschreibungen, lassen Sie die Umgebung so echt wie möglich wirken und Gestalt annehmen. Inspiration dafür liefert zum Beispiel der letzte Urlaub: Der Spaziergang durch das bewaldete Gebirge, die Schiffsrundfahrt durch die Buchten Italiens, der Zeltplatz in der Nähe der Kreidefelsen.

Auch im Alltag finden sich interessante Orte, die Sie in ihr Repertoire aufnehmen können. Viele Autoren haben eine Art Schreibkiste, in der sie gute Einfälle oder Formulierungen notieren. Meine Schreibkiste fülle ich mit Beschreibungen von Orten, die mir im Gedächtnis geblieben sind.

Nicht jeder Ort ist gleich wichtig

Muss ich jetzt jeden Ort in meiner Geschichte seitenlang beschreiben? Ganz klar: Nein. Ein Schauplatz ist nur so bedeutsam wie seine Handlung. Der Bus, in dem der Held zu seiner Aufgabe fährt, muss nicht bis ins Detail beschrieben werden. Für den Leser ist es uninteressant, ob dieser Bus nun mit Hybridantrieb fährt oder nicht. Oder ob einer der Fahrgäste in der Nase popelt.

Handelt die Geschichte allerdings von dem Busfahrer und zielt der Autor darauf ab, dessen Biografie zu schildern, sind die Nasenpopel-Anekdote und die Hybrid-Technologie durchaus erwähnenswert.

Fazit

Für eine gelungene Geschichte sind drei Punkte wesentlich: Eine gute Idee, glaubwürdige und interessante Charaktere und eine passende Orts-Auswahl. Machen Sie dabei einen großen Bogen um Klischees und Verallgemeinerungen. Fragen Sie sich, welchem Ort welche Bedeutung zukommt.

Schmücken Sie die wichtigen Schauplätze aus – orientieren Sie dafür am Grundsatz “Zeigen statt Erzählen” – der Leser liest mit seinen Sinnen. Er möchte den beschriebenen Ort riechen, schmecken, sehen und hören. So bieten Sie ihrem Publikum ein intensives Lese-Erlebnis.

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