Ich trau’ mich nicht! Mut zur Veröffentlichung

Viele Autoren haben eine Heidenangst davor, ihre Texte zu veröffentlichen. Aber warum eigentlich? Selbst wenn einige Leser das Werk schlecht finden – und diese Leser gibt es immer – ist das kein Grund, eine Geschichte nicht zu erzählen. Denn wir können vorab gar nicht wissen, welche Wirkung unsere Texte und Bücher auf unsere Mitmenschen haben.

Die Angst vor Ablehnung

Eine unserer stärksten Ur-Ängste ist die Angst, abgelehnt zu werden. Diese Angst sitzt deshalb so tief, weil wir soziale Wesen sind, die einander brauchen.

Instinktiv vermeiden wir es daher, Dinge zu tun oder zu sagen, für die wir innerhalb unserer Gruppe ausgeschlossen werden könnten. Es handelt sich dabei um einen uralten Überlebensmechanismus, der unsere Vorfahren vor dem damals tödlichen Alleinsein bewahrt hat.

Alte Muster – neue Umwelt

Inzwischen leben wir in einer modernen Welt. Wir können unsere sozialen Netze, sowohl digital als auch im realen Leben, frei wählen und unsere Lebensmittelpunkte selbst bestimmen.

Doch unsere Ur-Angst vor der Ablehnung ist geblieben. Nach wie vor scheuen wir Risiken, die eine Gefahr für unser (soziales) Überleben bedeuten könnten.

Auch die Veröffentlichung eines Textes ist für uns ein Risiko und appelliert an diese Ur-Angst. Denn obwohl wir den Großteil unserer potentiellen Leser gar nicht kennen, möchten wir natürlich einen Text schreiben, den möglichste viele von ihnen positiv aufnehmen. Wir möchten von der Gruppe “Leserschaft” anerkannt werden. Doch wir wissen vorher nicht, wie die Geschichte bei den Lesern ankommt.

Mut ist die Lösung

Wie nun aber mit dieser Angst umgehen? Darauf gibt es zwei hilfreiche Antworten.

Variante 1

Sie hören auf Ihre Angst und veröffentlichen Ihre Werke nicht

Vorteil: Sie bleiben auf der sicheren Seite und müssen sich nicht mit Kritik auseinandersetzen.

Nachteil: Sie verschließen sich der Möglichkeit, Erfolg mit dem Schreiben zu haben. Es wird ein ewiges Geheimnis für Sie bleiben, ob Ihre Texte beim Publikum gut ankommen werden oder nicht.

Variante 2

Sie fassen Mut und veröffentlichen Ihre Werke

Vorteil: Sie geben Lesern die Chance, sich ein eigenes Urteil zu bilden. Sie verdienen Geld mit jedem Verkauf und werden bekannter. Durch Ihre Veröffentlichung geben Sie den Stein des Anstoßes – vielleicht wird sogar ein Verlag auf Sie aufmerksam?

Nachteil: Sie gehen ein Risiko ein. Sobald Sie sich für eine Veröffentlichung entschieden haben, können Sie die Folgen nicht kontrollieren. Sie müssen damit rechnen, schlechte Bewertungen und Rezensionen zu erhalten.

Nicht in Foren veröffentlichen

Im Web wird angehenden Autoren häufig der Rat gegeben, ihre Texte zur Beurteilung in sogenannten Schriftsteller-Foren zu präsentieren.

Um es gleich vorweg zu sagen: ich halte nichts davon, Texte im Internet beurteilen zu lassen. Foren eignen sich mehr als nützliche Anlaufstellen, um Tipps und Tricks einzuholen, Erfahrungen auszutauschen und Inspiration zu beziehen. Im Folgenden finden Sie ein paar gute Foren für diese Zwecke:

Der Online-Enthemmungs-Effekt

Die meisten Foren stellen es ihren Mitgliedern frei, Klarnamen oder Pseudonyme zu verwenden. Doch genau diese Unterscheidung stellt die Text-Beurteilung in Foren infrage.

Der Psychologe John Suler fand heraus, dass die Anonymität im Web einen Online-Enthemmungs-Effekt fördert. Durch fehlendes Feedback und die Unsichtbarkeit treten enthemmende, beleidigende und kränkende Kommentare vermehrt auf.

Entmutigung

Im schlimmsten Fall erntet ein ohnehin schon unsicherer Autor harsche Kritik und zieht daraus den Schluss, es mit dem Publizieren ganz bleiben zu lassen. Eine Präsentation der eigenen Texte in Foren verunsichert daher noch mehr.

Stellen Sie sich vor, Autoren wie Tolstoi, Fontane oder Austen hätten ihre kritischen Werke vor der Veröffentlichung in einem Internet-Forum gepostet. Welcher Selbstzensur hätten sie sich damit unterworfen?

Perfektion: Der Feind des Mutes

Ein weiterer Grund für die Angst vor der Veröffentlichung ist das Gefühl, dass die eigenen Texte nicht gut genug sind. Wir fürchten dann, als Dilettanten dazustehen. Dieser Furcht liegt ein perfektionistisches Weltbild zugrunde – wir wollen alles sofort und einwandfrei haben. In einem anderen Artikel habe ich mich diesem Problem im Gewand der fehlenden Geduld gewidmet.

Eine Geschichte jedoch kann nicht falsch oder richtig sein. Selbstverständlich kann sie kompliziert erzählt, langatmig oder detailarm wirken. Doch sind dies womöglich Stilmittel. Denken Sie in diesem Zusammenhang an den Dadaismus, der absichtlich mit Normen der bürgerlichen Klasse brach.

Fazit

Wenn Sie einen Text oder ein Buch geschrieben haben, sollten Sie bei der Entscheidung für oder gegen eine Veröffentlichung nur auf eine Person hören: Auf sich selbst. Niemand, auch kein im kommerziellen Sinne erfolgreicher Schriftsteller, kann Ihnen sagen, was Sie mit Ihren Texten bewirken werden.

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