Mit Geduld zum Ziel

Ratgeber für Schriftsteller behaupten gern, Schreibern fehle oft die Selbstdisziplin, um ein Projekt zu Ende zu bringen. Einige Autoren empfehlen sogar, sich permanent zum Schreiben zu zwingen. Doch was hat das noch mit Kreativität und Ideenreichtum zu tun? Und führt diese Strategie zum gewünschten Ziel?

Wie ich mit Selbstdisziplin nicht weiter kam

Es war im Januar 2013, alles schien nach Plan zu laufen. Mein erstes ernstzunehmendes Romanprojekt entwickelte sich (dachte ich jedenfalls). Ich schrieb in einer Nacht vier Kapitel und hatte Einfälle für Wendungen in der Story, von denen ich voller Begeisterung erzählte.

In diesem Zusammenhang stand eine Lesung im März desselben Jahres an. Damals dachte ich, dass zwei Monate ausreichen würden, um der Öffentlichkeit ein fertiges Buch präsentieren zu können.

Also setzte ich mich jeden Tag an das Manuskript, ob ich wollte oder nicht, ob ich müde war oder vor Energie strotze. Nach und nach nahm die Lust daran zu arbeiten ab. Ich erklärte mir dieses Phänomen damit, unter Druck zu stehen und durch die angekündigte Präsentation in einer Art Vor-Lampenfieber zu stecken.

Obwohl der innere Widerstand wuchs, klemmte ich mich also weiterhin an meinen Schreibtisch. Schließlich musste das Buch unbedingt in zwei Monaten fertig sein. Manchmal kostete es mich Stunden, wenige Absätze zu „überarbeiten“. Oft war ich mit den Korrekturen unzufrieden und warf die Entwürfe in den (digitalen) Mülleimer.

Zu viel Druck

Der Schuss ging natürlich nach hinten los. Zum angekündigten Termin konnte ich nur ein paar Leseproben „präsentieren“. Auf inhaltliche Fragen des Publikums konnte ich keine befriedigenden Antworten geben. Wie auch? Ich wusste zu diesem Zeitpunkt selbst nicht einmal mit Sicherheit, wohin die Reise meines Helden gehen sollte. In meinem Kopf war die Geschichte bereits fertig, auf dem Papier war sie es noch lange nicht.

Ganz zu schweigen von der Bekanntgabe eines Veröffentlichungstermins standen weitere Dinge in den Sternen. Wie umfangreich soll der Roman sein? Wer sollen meine Testleser sein und wie lange werden sie für die Lektüre brauchen? Welche Verlage kämen überhaupt in Frage?

Heute weiß ich: Bücher brauchen ihre Zeit. Ich kann keine Romane am Fließband schreiben. Denn ich glaube nicht, dass Qualität ohne Geduld entsteht.

Wann kommt das nächste Buch?

Damals habe ich mich gefragt, was mich dazu bewogen hat, mir diesen knappen Zeitplan aufzustellen. Neben der fehlenden Erfahrung war es vor allem das Gefühl, meinen Lesern etwas schuldig zu sein.

Eine beliebte und für Schriftsteller sehr schmeichelhafte Frage ist die nach dem nächsten Buch. Wer freut sich nicht darüber, wenn Leser sich nach „Folgebüchern“ erkundigen? Früher antwortete ich mit einem konkreten Termin. Heute weiß ich, dass das keine gute Idee ist.

Das hat zwei Gründe. Zum einen sind die Leser noch enttäuschter, wenn ich einen zuvor angekündigten Termin nicht einhalte, der mich auch noch unter Druck setzt. Und Druck ist ein Feind von Kreativität. Zum anderen kann ich bei einem so umfangreichen Projekt wie einem Roman unmöglich Termine angeben, wenn ich noch mitten in der Schreibphase stecke.

Dank meiner Erfahrungen kann ich das Pensum für Texte nun wesentlich besser einschätzen als früher – und weiß daher auch, dass Bücher nicht über Nacht und in der Regel auch nicht über 100 Nächte entstehen. Wobei natürlich jeder Autor sein eigenes Tempo hat.

Wann Disziplin sinnvoll ist

Von nichts kommt nichts – der Spruch ist so alt wie wahr. Ohne eigene Anstrengung, ohne viel, viel Arbeit werden unsere Texte nie die Kraft, den Charme und die Individualität enthalten, die wir uns wünschen.

Sich zum Schreiben zu disziplinieren macht Sinn, wenn wir dem Selbstbetrug aufliegen. Wenn wir Ausreden suchen, warum es heute wieder nicht passt. Und wenn wir das Gefühl haben, dass der Alltag uns so in Beschlag hält, dass wir anscheinend gar nicht dazu kommen, ein paar Wörter in die Tasten zu tippen.

In diesem Fall lohnt es sich, die eigenen Abläufe realistisch zu überprüfen und herauszufinden, warum man diese Ausreden erfindet. Ist es die Angst vor dem Anfang, dem ersten Blatt Papier? Ist es das nagende Gefühl, dass die eigenen Ideen nicht gut genug sind?

Je mehr Schreib-Erfahrungen Sie sammeln, desto genauer werden Sie lernen, Vermeidungsverhalten von Überforderung zu unterscheiden. Das eine entspringt Befürchtungen, das andere einer tatsächlichen Überlastung. Gegen blockierende Befürchtungen helfen tatsächlich gutes Zureden und eine stringente Arbeitsdisziplin. So gewöhnen Sie sich an auftretende Zweifel und sehen Sie als normale Begleiterscheinungen des Schreibprozesses an. Bei Überlastung hilft nur der Abstand – alles andere wirkt sich negativ auf Ihre Texte aus.

Mach mal Pause

Jeder Arbeiter benötigt Pausen, auch ein Schriftsteller. Wenn wir die entsprechenden Signale wie Frustration und inneren Widerstand erkennen, wissen wir, dass es Zeit ist für eine Pause. Während des Abstands kommt die Entspannung und mit der Entspannung kommen die Einfälle – und die Freude darauf, sie in die Tat umzusetzen. Zu einer guten Selbstdisziplin gehört also auch die Disziplin zur Geduld.

Der Text vor lauter Wörtern

Einige Autoren empfehlen, ein Buch erst zu Ende zu schreiben, bevor man eine neues beginnt. Für mich ist eine andere Strategie hilfreicher: Während ich Abstand zu einem Manuskript nehme, arbeite ich an einer neuen Idee, die mir im Kopf herum schwirrt oder gucke in meine anderen Manuskripte – sofern ich keine Schreibpause mache. So habe ich wieder Lust darauf bekommen, mich mit einem Entwurf für einen anderen Roman zu beschäftigen, für den die Ideen ein paar Monate „gereift“ sind.

Eine Zeit der Abstinenz von einem Buchprojekt hat zahlreiche Vorteile:

  • Sie sehen das Werk aus einer frischen Perspektive
  • Sie sammeln in der Zwischenzeit neue Erfahrungen und Erkenntnisse
  • Ihr (Schreib-)Horizont erweitert sich
  • Sie haben Zeit für andere Dinge

Wer nur am Schreibtisch hockt, verpasst das Leben. Wenn Sie für einen Ausgleich zwischen Schreiben, Beruf und Privatleben sorgen, ist das für alle drei Bereiche positiv. Erlebnisse bringen Inspiration und Abwechslung. Sie beugen Erschöpfungszuständen vor und gewinnen den nötigen Abstand zu Manuskripten, die sich wie Menschen auch entwickeln. Außerdem üben Sie sich in Geduld, einer Qualität, die in unseren hektischen und schnelllebigen Zeiten verloren gegangen ist.

Fazit

Sie sind der Urheber und damit Schöpfer Ihres Werkes. Ein mächtiges Wort, aber es trifft zu. Ein Buch ist ihre Schöpfung, die viel Zeit und Hingabe benötigt. Projekte, ganz besonders kreative, lassen sich nicht erzwingen. Während Deadlines im beruflichen Alltag unerlässlich sind, können Sie beim kreativen Schreiben schnell Druck erzeugen – ganz besonders, wenn sich eine Arbeitsdauer aufgrund mangelnder Erfahrung noch nicht abschätzen lässt. Erarbeiten Sie sich also die Disziplin zur Pause und planen Sie genügend Freiräume ein – es lohnt sich!

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