Was ist Mainstream?

Mainstream und Kunst sind zwei Begriffe, die in scharfem Gegensatz zueinander stehen. Aber gibt es tatsächlich nur das eine oder das andere? Kann Kunst zum Mainstream werden und Mainstream zur Kunst? Und wie grenzt ein Künstler sich davon ab?

Was ist Mainstream?

In der Philosophie habe ich gelernt, mich jedem Problem zunächst durch den Begriff zu nähern. Versuchen wir das bei Mainstream, erkennen wir schnell, dass es sich um einen Anglizismus handelt, der in unserer Alltagssprache inflationär gebraucht wird: „Mainstream-Medien“, „Mainstream-Musik“, „Mainstream-Klamotten“.

Mainstream ist

  • Massengeschmack.
  • hochmedial.
  • abhängig von Konsumenten.

Alles kann, nichts muss

Ironischerweise kann alles zum Mainstream erklärt werden und hier gelange ich zum nächsten Punkt meiner Analyse: Was Mainstream ist, entscheidet der Betrachter. 

Jener Betrachter erklärt eine bestimmte Sache/Gruppe/Eigenschaft zum Mainstream und grenzt sich selbst davon ab. Sehr häufig passiert dies mit einer negativen Konnotation.

Vom Mainstream, also dem Hauptstrom, kann allerdings nur die Rede sein, wenn ein fast schon totalitärer Bekanntheitsgrad vorhanden ist. Mainstream wird in diesem Zusammenhang mit geistlosem Massenkonsum gleichgesetzt und gern von „wahrer Kunst“ im Underground (schon wieder ein Anglizismus) abgegrenzt. Aber stimmt das auch?

Ist „wahre Kunst“ ein Trugschluss?

Doch nun wird es spannend: Was, wenn aus Underground plötzlich Mainstream wird? Was geschieht, wenn ein Künstler, der sich selbst vermarktet, Erfolg hat? Er gelangt in den Fokus der Öffentlichkeit und wird damit zum Mainstream. Oft bilden sich im Anschluss zwei Lager von Betrachtern: Die einen, die den Künstler auch weiterhin mögen und ihm den Erfolg gönnen. Und die anderen, die ihn dafür kritisieren, dass er nun auch „Mainstream geworden ist“.

Tatsächlich begehen manche Künstler den Fehler und passen sich dem Massengeschmack an, anstatt ihrer eigenen Stimme treu zu bleiben. Doch wenn Filmemacher, Autoren, Musiker, Maler etc. ihre Werke auf eine breite Masse zuschneiden wollen, ist das wenig wertvoll (das ist allerdings nicht dasselbe, wie als Autor wirtschaftlich zu denken). Kunst bedeutet in meinen Augen, den Empfänger aufzuwecken, oder wie Franz Kafka es in einem Brief an Oskar Pollak formulierte:

Ich glaube, man sollte überhaupt nur solche Bücher lesen, die einen beißen und stechen. Wenn das Buch, das wir lesen, uns nicht mit einem Faustschlag auf den Schädel weckt, wozu lesen wir dann das Buch? Damit es uns glücklich macht, wie Du schreibst? Mein Gott, glücklich wären wir eben auch, wenn wir keine Bücher hätten, und solche Bücher, die uns glücklich machen, könnten wir zur Not selber schreiben. Wir brauchen aber die Bücher, die auf uns wirken wie ein Unglück, das uns sehr schmerzt, wie der Tod eines, den wir lieber hatten als uns, wie wenn wir in Wälder vorstoßen würden, von allen Menschen weg, wie ein Selbstmord, ein Buch muß die Axt sein für das gefrorene Meer in uns.

Was Kafka hier sagt, ist eine Ohrfeige für den Mainstream der Literatur. Ein Buch, das uns nicht in unserer persönlichen Entwicklung weiterbringt, das uns nicht unruhig und im tiefsten Sinne nachdenklich werden lässt, kann bestenfalls als Unterhaltung bezeichnet werden.

Bücher zum Thema*

Die kollektive Erwartung

Unterhaltung ist Mainstream, sie fügt sich einer kollektiven Erwartungshaltung, um Kasse zu machen. Doch welche Bücher bleiben uns tatsächlich in Erinnerung? Welche empfehlen wir aufgeregt unserer Familie und unseren Freunden, welche Bücher lesen wir immer wieder oder zitieren daraus? Es sind Bücher mit neuen, überraschenden oder sogar manchmal schockierenden Gedankengängen, Bücher die uns wirklich packen. Die uns daran erinnern, warum wir lesen.

Mainstream aber ist der freche Partygast, der alle Gespräche an sich reißt und im Mittelpunkt stehen will. Und wie wird man mit so einem Gast am besten fertig? Man geht auf Abstand.

Mainstream als Selbst-Profilierung

Es gibt einen guten Grund, warum auch der Begriff Mainstream zum Mainstream geworden ist. Wenn ich als Künstler etwas in die Kategorie „Mainstream“ einordne, dann distanziere ich mich mit meinem eigenen Tun davon, ich sehe mein Schaffen als höherwertig an.

Nun ist es aber entscheidend, ob die Gruppe, in der ein Künstler sich befindet, genauso denkt. In diesem Falle erhält er Zuspruch. Ist der Großteil der Gruppe allerdings anderer Meinung, geht der Schuss nach hinten los. Wir sehen an diesem Beispiel, dass die Bewertung Mainstream eine wackelige ist.

Was ist denn so schlimm daran?

Manchmal kommt die Frage auf, was denn so schlimm daran sei, auf Mainstream zu stehen. Die Frage geht in eine ähnliche Richtung wie die Debatte um Überwachung. „Schlimm“ ist in Bezug auf den Mainstream-Konsum ein unpassender Ausdruck.

Natürlich ist es nicht schlimm, gecastete Bands zu hören oder Shades of Grey zu lesen (ok, Zweiteres ist schon ziemlich schlimm), doch geht es Kritikern am Mainstream darum, die Kultur zu erhalten, Vielfalt zu fördern und das Ungewöhnliche, das Unbequeme, oder wie Kafka sagen würde – die Axt für das gefrorene Meer in uns zum Vorschein zu bringen. Das passiert beim Mainstream leider nicht, denn ein längst massentauglich gewordenes Produkt wird lediglich vermarktet, gehypt und kommerzialisiert – aber inspirieren tut es uns höchstwahrscheinlich nicht mehr.

Das Gegenteil von Mainstream?

Da die Wertung, was Mainstream ist, für jeden anders ist (obwohl ich mir sicher bin, dass ein breiter Konsens darüber besteht, dass so mancher Schund definitiv dazu gehört), lässt sich nur schwer ein Gegenpol dazu bilden. Für mich ist jede Kunstform außerhalb des Mainstream, die folgende Qualitäten besitzt:

  • Individualität
  • Originalität
  • Unabhängigkeit

Warum empfinden wir Untergrundkünstler wie Charles Bukowski als Streiter gegen den Mainstream? Weil sie mit einer eigenen Stimme sprechen und schreiben, sich nicht verbiegen oder sich ihren Stil vom Markt diktieren lassen. Doch es bleibt eine schmale und schwierige Gratwanderung für jeden Künstler. Denn was soll man als Autor zum Beispiel tun, wenn der Lektor einem rät, bestimmte Passagen zu kürzen, Figuren zu streichen oder den Plot zu verändern?

Viele Autoren dürften Änderungen an ihren Manuskripten bis zu ihrer persönlichen Schmerzgrenze als akzeptabel empfinden, doch ebenso viele dulden keine Korrekturen an ihren Werken. Diese Angelegenheit ist insofern schwierig, da ja auch der Lektor persönlichen Vorlieben hat und nach dem Aspekt der Markttauglichkeit eines Manuskriptes schauen muss.

Fazit

Auch wenn der Begriff „Mainstream“ von vielen Personen genutzt wird, um sich selbst und den eigenen Kultur-Geschmack zu erhöhen, gibt es eine klare Unterscheidung zwischen dem Massenkonsum, der sich unbedingt verkaufen muss, und der Kunst, die bestenfalls jenem Geschmack den Appetit verdirbt. Diese Perlen in Literatur, Kunst, Musik usw. gilt es zu finden – die Suche lohnt sich.

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