Lesetipp: Gerron (Charles Lewinsky)

Kaum ein Buch hat mich so begeistert wie Gerron von Charles Lewinsky. Der Roman wurde bereits 2011 verlegt, doch ich entdeckte ihn durch Zufall. Die Sprache, der Stil, das Thema – hier stimmt einfach alles.

Inhalt

Kurt Gerron ist ein jüdischer Regisseur und Schauspieler, der sich auf dem Höhepunkt seines Erfolges befindet – bis er die Repressionen der Nazis am eigenen Leib zu spüren bekommt. So landet er als Häftling im Konzentrationslager Theresienstadt.

Ein letztes Mal noch soll Gerron einen Film drehen – einen, der das KZ-Leben verklärt. Gerron gerät in einen Gewissenskonflikt und muss sich entscheiden: Wird er den Propaganda-Film machen oder widersetzt er sich?

Wer war Kurt Gerron?

Charles Lewinsky hat sich seine Hauptfigur nicht ausgedacht. Es gab tatsächlich einen Kurt Gerron, der von 1897 bis 1944 lebte. Er wurde in einer Berliner Kaufmannsfamilie geboren und als Frontsoldat in den Ersten Weltkrieg geschickt.

Ursprünglich wollte Kurt Gerron Arzt werden, doch wurde sein Studium durch wiederholte Militäreinsätze und Verwundungen unterbrochen. 1920 widmete er sich gänzlich dem Schauspiel. Erste Engagements an den Reinhardt-Bühnen kamen zustande.

Mehr als eine Rückschau

Bei Lewinsky verschmelzen der echte und der fiktive Kurt Gerron zu einer komplexen Figur. Lewinskys Roman erzählt nicht einfach nur eine Geschichte – er ist Geschichte. So erschreckend anschaulich und detailliert, dass es einem kalt den Rücken herunter läuft, so schonungslos intensiv und eindringlich, dass man vor Wut schreien möchte.

Ständig wird der Leser eingewickelt, in eine wattierte Welt, in der alles doch gar nicht so schlimm scheint, in der es doch noch einen rettenden Hoffnungsschimmer gibt – nur, um ihn dann auf den Boden der Tatsachen klatschen zu lassen.

Denn ein Großteil des Romans spielt sich in Kurt Gerrons Gedanken ab, seinen Tagträumen, die jedoch nicht den Slapstick eines Dr. Dorian haben, sondern den verzweifelten Wunsch nach Flucht ausdrücken.

Brillant erzählt

Gerron liest sich lockerleicht, obwohl die Geschichte mit einer feingliedrigen Sprache erzählt wird, die man in modernen Romanen leider viel zu selten findet.

Der Leser tanzt förmlich durch die Handlung, weil Lewinsky ihn nicht mit trockenen Fakten oder Gerron’schen Gedankengängen überfrachtet. Nein, er stellt es sehr viel geschickter an. So lässt sich die Erzählung in drei Ebenen gliedern:

1. Der Gewissenskonflikt

Gerron soll einen Film drehen, der das KZ verherrlicht. Tut er es nicht, steht das Leben seiner Familie auf dem Spiel. Es ist ein Konflikt zwischen Anstand und Kunst. Lewinsky zeigt hier geschickt, wie leicht beides pervertiert und zum Dilemma werden kann.

2. Gerrons Leben

Parallel dazu wird aus der Biografie von Kurt Gerron erzählt – von seinen prägenden Begegnungen und Erlebnissen in der Weimarer Republik, von seinem Aufstieg durch die Uraufführung der Dreigroschenoper*.

Es folgten Zusammenarbeiten mit Heinz Rühmann, Hans Albers und Josef von Sternberg. Gerrons Ruhm sollte dem Multitalent noch eine rettende Hand des Schicksals ausstrecken: Während der Herrschaft der Nationalsozialisten bot Marlene Dietrich ihrem Schauspiel-Freund an, nach Hollywood zu kommen, doch dieser lehnte ab. Warum er dies tat, ist nicht eindeutig geklärt.

3. Gerrons Gedanken

Die dritte Ebene im Roman verknüpft die beiden anderen miteinander. An sich wäre sowohl Ebene 1 als auch Ebene 2 ausreichend füllend für einen Roman.

Doch das ist Lewinsky zu blass: Er verwebt Fakten, Fiktion, Innenleben und Historie so gekonnt miteinander, dass wir das Gefühl haben, ein dreidimensionales Stück Geschichte in den Händen zu halten. Diese intrinsische, verflechtende Perspektive macht Gerron zu einem außergewöhnlichen Roman.

Fazit

Gerron ist ein Meisterwerk, das mit chirurgischer Präzision einen Querschnitt der Schreckensjahre 1933-1945 zieht, ohne ins Eindimensionale abzurutschen. Lewinsky ist es gelungen, eine Flut an Fakten zu bündeln und in eine fiktive Geschichte einzubetten, ohne den realen Kurt Gerron aus den Augen zu verlieren.

LEWINSKY, CHARLES: Gerron. Roman, Verlag Nagel & Kimche AG, München 2011. 544 S., 24,90 €

Autoreninfo

Charles Lewinsky ist einer der erfolgreichsten deutschsprachigen Schriftsteller der Gegenwart. Aufgewachsen in der Schweiz, arbeitet Lewinsky als Regisseur, Redakteur und Dramaturg für Theater und TV. Für seinen Roman Gerron wurde er 2011 für den Schweizer Buchpreis, 2014 für den Deutschen Buchpreis nominiert.

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