Lesetipp: Doctor Sleep (Stephen King)

Haben Sie anno 1985 im Overlook-Hotel eingecheckt? Nun, wenn Ihnen der Aufenthalt dort gefallen hat, dann dürften Sie an Stephen Kings neuer Reise in Doctor Sleep* Ihre hell(sichtig)e Freude haben.

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Danny Torrance hat es geschafft: Er hat das Overlook in Colorado hinter sich gelassen und die Geister der Vergangenheit in sichere Kammern gesperrt. Glaubt er zumindest. Denn den Schrecken wird er nie vergessen, geschweige denn ausradieren können. Danny musste als kleines Kind seine Gabe kennenlernen, die zugleich ein Fluch ist: Das Shining, eine spezielle Form der Hellsichtigkeit, die ihn Dinge sehen lässt, die normalen Menschen verborgen bleiben.

Trotz der Widrigkeiten (und sein mörderischer, axtschwingender Psychopathenvater war nur eine davon) hat Danny es geschafft, erwachsen zu werden. Von seinem Umfeld mittlerweile Doctor Sleep genannt, streift er durch die Bundesstaaten der USA von einem Elend zum nächsten und lässt sich als Arbeitskraft in einem Hospiz nieder. Doch er schleppt die Vergangenheit mit sich herum, die aus dem Overlook und die vererbte. Denn Danny ist seinem Vater wesentlich ähnlicher, als er bisher dachte …

Gelungene „Fortsetzung“

Im Grunde ist Doctor Sleep keine Fortsetzung im klassischen Sinne. Zwar spinnt King die Geschichte um Danny alias Dan Torrance weiter. Doch selbst wer nicht den hervorragenden Roman Shining* gelesen oder zumindest den Film von Stanley Kubrick gesehen hat, wird in dieser Geschichte dennoch finden, wofür King bekannt ist: das Grauen, plastisch und gleichzeitig verhüllt wie unverhüllt, verortet im Alltag, mitten unter uns und doch nur mit dem Shining rechtzeitig zu erkennen.

Daniel Torrence sieht sich einer neuen Herausforderung gegenübergestellt. Der Wahre Knoten, eine gefährliche Sekte, reist quer durchs Land und ist auf der Suche nach hellsichtigen Menschen, um sich von deren Lebensenergie zu ernähren. Dan baut eine telepathische Verbindung zu ihrem nächsten Ziel Abra auf, einem kleinen Mädchen mit außergewöhnlichem Shining, und er weiß: Ihm bleibt nicht mehr viel Zeit, um Abra vor den verrückten Kindermördern zu retten.

Kings Mut für frische Charaktere

Es ist diese unvergleichliche Verquickung irdischer menschlicher Probleme und transzendenten, fast schon spirituellen Phänomenen, mit denen King Millionen Leser in den Bann zieht. Auch in Doctor Sleep gelingt ihm der Drahtseilakt, der sich bei diesem Autor eher wie ein sicherer Gang auf breiten Pfaden anfühlt. King driftet nicht in den Kitsch ab, er sorgt dafür, dass das Unbehagen, die Furcht, auch dann noch in einem wach bleibt, wenn man schlafen möchte.

Und so wie sich der Kampf von Dan Torrance gegen den Alkohol liest, wird klar, dass King seine eigene Sucht verarbeitet, die ihm fast das Leben und eine traumhafte Karriere als Schriftsteller zerstört hätte. Er weiß, dass die inneren Dämonen nicht minder gefährlich sind als die äußeren.

An einer Stelle des Romans ist die Rede davon, dass schlechte Menschen sich zu schlechten Orten hingezogen fühlen. Das Overlook Hotel war solch ein Magnet für das Böse. Unsere Umwelt spiegelt uns, eine einfache Gewissheit der Psychologie: So, wie wir uns anderen gegenüber verhalten, so verhalten sich andere uns gegenüber. Es sei denn, sie verfügen über das Shining. Wenn Sie welches haben, dann achten Sie auf die vermeintlich harmlosen Wohnmobile, die Ihren Weg kreuzen. Der Wahre Knoten könnte darin auf dem Weg zu seinem nächsten Opfer sein.

Fazit

Komplex, tiefgründig und zum Fürchten: Stephen King schreibt detailverliebt und beklemmend schlüssig die unheimliche Lebensgeschichte von Dan Torrance weiter. Das Grauen verlässt die Wände des Overlook Hotels und greift in der Welt um sich. Und nur noch Doctor Sleep kann helfen.

KING, STEPHEN: Doctor Sleep. Roman. Heyne Verlag, München 2013, 704 S., 12,99 €.

Autoreninfo

Stephen Edwin King gilt mit über 400 Millionen verkauften Büchern als einer der erfolgreichsten Autoren weltweit. Der Aufstieg war keineswegs vorgezeichnet: In seiner Anfangszeit als Autor musste King sich und seine Familie mit Gelegenheitsjobs über Wasser halten, seine Werke wurden von mehreren Verlagen abgelehnt. Auch hatte er während seiner Laufbahn mit einer Alkohol- und Kokainsucht zu kämpfen. Diese existenziellen Erfahrungen tauchen häufig in seinen Romanen auf.

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