Lesetipp: In der Misosuppe (Ryū Murakami)

Der Roman um einen mysteriösen Amerikaner im Herzen Japans gilt als brutaler Schocker. Tatsächlich aber ist In der Misosuppe* deshalb so erschreckend, weil die Geschichte mehr einer Gesellschaftsanalyse als einer Fiktion gleicht.

Der amerikanisch-japanische Albtraum

Frank ist ein Tourist und treibt sich im Neonlicht-erhellten Tokio herum. Doch Frank möchte nicht nur die leuchtende, strahlende Seite der Stadt kennen lernen und bittet daher den 20-jährigen Einheimischen Kenji um eine Führung durch das Rotlichtmilieu.

Frank bezahlt für drei Tage im Voraus und so freut Kenji sich, einen so lukrativen Kunden an Land gefischt zu haben. Bis sich herausstellt, dass irgendetwas an diesem Fang faul ist.

Franks dunkles Geheimnis

Ein wenig erinnert der Plot an den Film Collateral mit Tom Cruise und Jamie Foxx. Plötzlich verschmilzt Kenji, ähnlich wie Taxifahrer Max im Film, mit einer Welt, von der er sich bisher immer gut auf Distanz halten konnte. Der Leser gerät durch die intrinsische Perspektive umso mehr in den Sog dieses fesselnden Romans, da dieser aus Kenjis Sicht geschrieben ist.

Das grauenhafte Geheimnis des US-Touristen zu verraten, vermeide ich an dieser Stelle. Nur so viel sei gesagt: Der Wolf im Schafspelz treibt sich in japanischen Gefilden herum.

Der Kollaps des Konsums

Was Kenji seinen Kunden bisher verkaufte, war der Zugang zur Tokioter Unterwelt der Prostitution, der Gewalt und der Peepshows. Wie ein Wanderer zwischen den Gesellschaftsschichten bewegte sich der junge Erwachsene, doch mit Frank ist diese vermeintliche Sicherheit vorbei.

Ryū Murakami beschreibt im fatalistischen Aufeinandertreffen der beiden ungleichen Charaktere Frank und Kenji eine kalte Konsumwelt, in der Geld über menschlicher Würde steht. Umso konsequenter ist, dass Frank das, was er tut, im Rotlichtmilieu tut.

Murakami spiegelt in seinem Roman die Absurdität der japanischen Gesellschaft wieder. Mit Santoku-scharfer Präzision schneidet er in seinem verstörenden und analytischen Charme das Unfassbare in gut portionierte Häppchen. In der Misosuppe liest sich wie ein physikalischer und moralischer Kollaps, nichts passt zusammen und doch stimmt auf abstoßende Weise alles. Umso ironischer und treffender ist es, dass Murakami für seinen Romantitel ein japanisches Nationalgericht auserkoren hat.

Fazit

In der Misosuppe ist ein tunnelartiges Panoptikum der japanischen Gesellschaft: Laut, schrill, und unerbittlich. In sezierender Stringenz stellt Murakami das Elend auf Tokios Straßen und Wohnzimmern dar. Dieser Roman ist nichts für “schwache Gemüter”, wie man so schön sagt. Doch genau das macht ihn zu einer schwarzen Perle der Literatur.

MURAKAMI, RYU: In der Misosuppe. Roman. KiWi Taschenbuch, Berlin 2006, 208 S., Preis unbekannt

Autoreninfo

Ryū Murakami ist einer der bekanntesten und erfolgreichsten Schriftsteller Japans. Seine oftmals nihilistisch anmutenden Werke setzen sich mit Themen wie Drogen, Selbstmord und Promiskuität auseinander. Durch seine Kurzgeschichte mit dem Titel Almost Transparent Blue erlangte er erste Anerkennung. Murakami wird häufig mit dem japanischen Autor Haruki Murakami verwechselt, zu dem jedoch keine verwandtschaftliche Verbindung besteht.

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