Lesetipp: Der Mann mit der Ledertasche (Charles Bukowski)

Mittlerweile gilt es auch in bürgerlichen Kreisen als schick, Charles Bukowski zu lesen. Doch er selbst hätte diese Pseudo-Intellektuellen verspottet. Denn wer seine Werke auf der Suche nach skandalösem Schund liest, erkennt Bukowskis wahre Größe nicht.

Einfach nur ein Typ?

Bukowski war kein Weltverbesserer, kein Freiheitskämpfer und auch kein Kommunist. Wie trocken und selbstironisch er sich und seine Kunst betrachtete, wird anhand eines Zitates aus seiner Kolumnen-Sammlung Aufzeichnungen eines Dirty Old Man* deutlich:

“Ich habe hier Kolumnen aus annähernd 14 Monaten zusammengestellt. Ich hoffe, dass Ihnen das Zeug was sagt. Wenn Sie mir Geld schicken wollen, in Ordnung. Wenn Sie mich dafür hassen wollen, auch in Ordnung.”

Charles Bukowski war ein Querschläger, der sich nicht instrumentalisieren ließ. Aus diesem Grund genießt er den Ruf als der Untergrundschriftsteller schlechthin. Doch auch diese Annahme ist falsch, denn Bukowski ist deshalb so besonders, weil er jegliche Labels ablehnte – dies macht seine Werke so ehrlich.

Inhalt

Der Herumtreiber und Trunkenbold Henry Chinaski arbeitet bei der staatlichen Post. Zunächst beginnt er als Aushilfe und bekommt die Schichten, vor denen sich die regulären Briefträger drücken. Später, als Festangestellter, hat er zwar hin und wieder humanere Arbeitszeiten, muss jedoch die Schikanen seiner Vorgesetzten ertragen.

Immer wieder durchkreuzen der Alkohol und die Frauen sein geregeltes Leben, das Chinaski ohnehin nur durch äußere Erwartungen aufgezwungen wird. So stolpert Chinaski in stiller Rebellion durch Affären, Wetterfolge und Pleiten, malocht im Postamt und quält sich durch die Straßen von Los Angeles.

Bukowski = Chinaski?

Der Mann mit der Ledertasche ist wohl Bukowskis autobiographischster Roman. Näher ist kein Werk an seinem Leben dran. Denn Bukowski hatte seinen Job bei der Post gerade erst geschmissen, als er mit den Arbeiten am Buch begann. Angeblich verfasste er das komplette Manuskript in nur drei Wochen.

Möglich wäre es – schließlich finanzierte ihn sein Verleger und so konnte Bukowski sich voll und ganz auf die schriftstellerische Tätigkeit konzentrieren. Dennoch ist dies ein Tempo, von dem die meisten Schriftsteller träumen. Im Roman finden wir einen Satz, der sich durchaus auf Bukowski übertragen lässt:

„Am nächsten Morgen war die Nacht vorbei, und ich war noch am Leben. Vielleicht schreibe ich einen Roman, dachte ich. Und dann schrieb ich ihn.“

Das nackte Leben

In einer redundanten, beinahe schon penetranten Art wird uns hier das Leben eines Außenseiters erzählt. Doch Chinaskis Eskapaden machen ihn nicht unsympathisch, im Gegenteil. Sie sind authentische Versuche, sich dem Hamsterrad der Arbeitswelt zu entziehen.

Henry Chinaski ist nicht durchtrieben, er will auch nicht die Gesellschaft verändern und stellt sich auch nicht moralisch über seine Umwelt. Chinaski pfeift auf seine Umwelt, er will seinem ur-eigenen Rhythmus folgen und wird dabei tragischerweise immer wieder hinfort gerissen.

Und täglich grüßt …

Es ist ein Kampf gegen Windmühlen, den Chinaski führt. Das System, gegen das er sich sträubt, funktioniert wie ein Uhrwerk und da Zeit sich sich nicht kontrollieren lässt (es sei denn, man setzt Einsteins Relativitätstheorie in die Tat um), zieht Chinaski immer den Kürzeren.

Der Mann mit der Ledertasche liest sich daher wie ein Wachtraum, ein Alb-Wachtraum, aus dem es kein Entrinnen gibt. Gerade deshalb sind die ständigen Wiederholungen seiner Exzesse, der vielen Tiefs, unterbrochen von einigen wenigen und zweifelhaften Hochs, die perfekte Struktur, um Bukowskis – ach, Verzeihung – Chinaskis Geschichte zu erzählen.

Fazit

Der Mann mit der Ledertasche ist so aktuell wie im Jahr der Entstehung 1971. Interessant, wenn man bedenkt, dass unsere Gesellschaft sich doch so rasant weiterentwickelt hat – mehr Technik, verbesserte Medizin, mehr Konsum. Doch das Diktat der Zeit scheint dennoch unverändert – da hilft auch keine Relativitätstheorie.

BUKOWSKI, CHARLES: Der Mann mit der Ledertasche. Roman. KiWi Taschenbuch, Berlin 2004, 208 S., 7,99 €

Autoreninfo

Charles Bukowski zählt zu den bedeutensten US-amerikanischen Autoren des 20. Jahrhunderts. Er war bekannt für seinen provokativen Stil und Geschichten, die unmittelbar vom Leben handelten. Bukowski, der im deutschen Andernach als Heinrich Karl Bukowski geboren wurde, veröffentlichte bis zu seinem Tod 1994 über 40 Bücher.

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