„Die wenigsten Autoren sind gute Verkäufer ihrer Werke“: Sandra Uschtrin im Interview

Sandra Uschtrin ist Geschäftsführerin des Uschtrin Verlages und Herausgeberin der Zeitschriften Federwelt und der selfpublisher. Im Interview auf der Buchmesse verriet sie, wieso Selfpublishing immer bedeutsamer wird und vor welchen Herausforderungen klassische Verlage stehen.

Welche Entwicklungen und Herausforderungen sehen Sie für die Verlage in naher Zukunft bzw. im Jahr 2016?

Verlage müssen wahnsinnig Technik-affin sein und gehen immer mehr in Richtung IT-Unternehmen. Und Entwickler zu finden, die sie überhaupt entlohnen können, ist besonders für kleine Verlage eine Herausforderung. Viele Verlage sind ja auch klein: 1 – 3 Personen. Dann die Miete und alle anderen Posten zu bezahlen, ist eine Herausforderung.

Bei unseren beiden Magazinen wäre es natürlich schön, wenn man beide als E-Books hätte. Im Moment laden wir sie noch als PDFs hoch, was für ein iPad oder für das Handy nicht so super ist. Wir haben es auch mit EPUB versucht, das sieht dann jedoch zum Abgewöhnen aus. Das ist technisch wahnsinnig aufwendig.

Und was passiert, wenn die PDFs von den Online-Plattformen nicht mehr zugelassen werden? Das sind Sachen, da muss man gucken, dass man up to date bleibt und wie es in dem Bereich weitergeht.

Gerade im Internet bzw. im Digitalen sind viele so verwöhnt, dass sie sagen: „Was, dafür Geld bezahlen? Nö, dann suche ich lieber irgendwie woanders.“

In der aktuellen Ausgabe des Handbuchs nimmt das Thema Selfpublishing viel Raum ein, wohingegen das Kapitel über klassische Verlage erst später auftaucht. Woran liegt das?

Das Handbuch erscheint alle fünf Jahre neu, zuletzt 2015, für das wir hauptsächlich 2014 recherchiert haben. Dieses Kapitel haben wir als allerletztes eingefügt, aber eben an erster Stelle, weil wir finden, dass viele Autoren, insbesondere Einsteiger, sich erst einmal fragen: „Wie gehe ich vor?“ Und in der Regel wird derjenige wie alle Autoren erst einmal einen riesigen Haufen von Absagen der Verlage kassieren.

Das liegt meist daran, dass es noch nicht so richtig stimmt, weil man sich überschätzt, weil man nicht weiß, wie man ein Anschreiben macht oder was für die Zielgruppe interessant ist. Und früher hat man ein paar stille Tränen geweint und hat es dann wieder und wieder versucht bzw. anderen Autoren die eigenen Texte zum Gegenlesen vorgelegt. Da war man dann auch froh, dass die ersten 4-5 Romane nicht veröffentlicht worden sind, weil man sich dafür in Grund und Boden geschämt hätte.

Etwas zu schreiben und es zu drucken bzw. ein E-Book daraus zu machen, ist easy. Die Kunst liegt darin, Leser zu finden.

Heutzutage ist es eben so, dass man die Absagen bekommt und sagt: „Ok, dann mach ich Selfpublishing.“ Deshalb ist es an erster Stelle im Buch, um den Leuten zu sagen: Du wirst auch nicht dümmer damit, aber es ist auch ein harter Weg.

Das ist kein Zuckerschlecken, man ist ein Selbstverleger, muss alles selbst machen: Marketing, Vertrieb, wie ein Konzernverlag in mini-mini. Man muss mehr tun als ein Verlagsautor und den ganzen Buchmarkt auch besser verstehen. Die wenigsten Autoren sind für ihre eigenen Werke auch noch gute Verkäufer.

Würden Sie auch im Zeitalter von Self Publishing Autorinnen und Autoren dazu raten, auf eine Verlagskarriere hinzuarbeiten?

Das kommt darauf an, in welchem Genre man tätig ist und wo man hin will. Ob man beispielsweise Literatur macht – da ist man glaube ich in Verlagen noch besser aufgehoben (z. B. mit dem Ziel, den Bachmann-Wettbewerb gewinnen zu wollen), wenn man andererseits Fantasy schreibt oder hip ist, dann kann das als Selfpublisher super funktionieren. Voraussetzung ist natürlich, dass einem Social Media Freude bereitet und sehr gut vernetzt ist.

Dann muss man aber auch vierteljährlich liefern, die Fortsetzungsromane hintereinanderschreiben. Da ist die Taktung schneller als beim Verlag.

Das Publikum muss man permanent bespaßen und das ist heftig anstrengend.

Da muss man sich fragen: „Wie lange kann und möchte ich das über Jahre machen?“ bzw. sollte man sich das gar nicht erst fragen, weil man dadurch schon gehemmt ist.

Man sollte eigentlich mit einem wahnsinnigen Elan in die Sache hineingehen und sehr kommunikativ sein – dann kann das super gelingen wie bei Poppy J. Anderson. Aber mit Hochliteratur klappt das eben noch nicht oder mit einem Ratgeber zum Coaching – das ist meistens eher schwierig.

Wo sehen Sie die Nachteile beim Selfpublishing?

Das kommt auf den Typ Mensch an – Voraussetzung ist, dass der Autor eloquent und begeistert bei Social Media aktiv ist. Dann arbeitet diese Person auch gerne mit freien Lektoren zusammen und ist so vernetzt, dass sie natürlich irgendwen kennt, der ihr das Cover professionell macht. Das gehört alles dazu. Das bedeutet Selfpublishing eben – dass man auch Leute kennt, die das für einen machen, dass man auch Geld in die Hand nimmt, ein bisschen unternehmerisch denkt. Wem das nicht liegt, für den ist das auch nichts.

Beim Selfpublishing ist die Konkurrenz groß. Wird man als Newcomer überhaupt gesehen und welche Möglichkeiten gibt es dafür?

Marketing ist das Schwerpunktthema unseres ersten Heftes von der selfpublisher. Man sollte sich eine Marketingkampagne überlegen, die nicht ewig teuer ist, aber merkwürdig. So, dass es einem im Kopf hängen bleibt, so, dass man denkt: „Das Buch muss ich haben!“

Das muss sich jeder überlegen: Was passt zu mir, zu dem Buch, zu der Zielgruppe und ist trotzdem neu? Und dann kann es klappen. Oder man versucht, in eine Buchhandlung hereinzukommen, um eine Lesung zu machen. Ich erinnere mich da an eine Frau, die immer mit ihrem Pferd in die Buchhandlung gegangen ist. Da kann es natürlich auch mal der Gag sein.

Man sollte nicht einfach nur eine normale Lesung machen, sondern sich was Besonderes einfallen lassen und auf die Leute zugehen. Das nimmt einem keiner ab.

Und dann muss natürlich der Text auch noch stimmen. Wenn man im Manuskript überall Fehler hat oder die Sätze sind schief und einfach grottig, dann funktioniert das nicht.

Vor Kurzem startete ihr neues Magazin der selfpublisher mit einer Auflage von 10.000 Exemplaren. Was können Selfpublisher dort finden und wie grenzt das Magazin sich von anderen Medien thematisch ab?

Die Federwelt ist zwar nicht nur für Verlagsautoren, aber zum Beispiel ein Interview mit einer Literaturagentur – das würde ich in der Federwelt sehen, das ist für einen Selfpublisher nicht sonderlich interessant.

Wohingegen ein Thema wie „Wie konvertiere ich meinen Text so, dass ich ihn als E-Book bei verschiedenen Plattformen hochladen kann?“ sehe ich dann eher im selfpublisher. Da kann man relativ klare Trennlinien ziehen.

Wir versuchen auch, auf die Dienstleister, die auch unsere Anzeigenpartner sind, einzugehen. Selfpublishing funktioniert nur mit Dienstleistern wie Online-Plattformen, auf die man die Texte stellen kann, Firmen wie Tolino oder Amazon, BOD usw. Ich finde es als Selfpublisher wichtig, sich damit auseinanderzusetzen. Wie sind die Verträge, die ich da abschließe, komme ich da leicht wieder raus? Wie sind die Konditionen?

Wir versuchen auch über Anzeigen die Lektoren mit reinzuholen. 70 % aller Selfpublisher haben ein Lektorat. Das ist immer noch zu wenig, das sollten 99 % sein. Das kostet natürlich auch Geld, aber da muss der Autor wie jeder Unternehmer hineininvestieren. Entweder, man glaubt an seinen Text oder eben nicht. Man sollte da nichts Halbherziges machen.

Das ist ja das Tolle am Journalismus: Dass man all diese Themen komprimiert wiedergibt. So hat man als Leser am Ende den Brühwürfel, den man nur noch aufgießen muss. Man muss sich also nicht die ganzen Zutaten besorgen. Das ist es, was ein Fachmagazin eigentlich leisten sollte. Es gibt auch schwarze Schafe, die sich dort nicht einschleichen dürfen.

Man sollte eigentlich denken: „Wow, bis ich dieses Wissen gefunden hätte, hätte ich Stunden um Stunden im Internet recherchiert und vielleicht sogar falsche Informationen aufgenommen.“

Bildquelle: Christoph Hellhake

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