„Ein sicheres Umfeld“ – Julia Wagner über “DEINTEXTDEINBUCH”

Julia Wagner betreibt die Online-Plattform DEINTEXTDEINBUCH. Hier können Autoren Ihre Texte einstellen und sie Verlagen und Literaturagenturen anbieten. Die erfahrene Lektorin möchte so das Zusammenfinden von Publizisten und Schriftstellern erleichtern.

Welche Vorteile haben Autoren, wenn Sie ihre Manuskripte auf der Plattform anbieten?

Der erste Vorteil ist natürlich, dass ich ein großes Netzwerk an Lektoren und Agenten zusammengesammelt habe. Ich biete Autoren Zugriff auf dieses Netzwerk. Nach einer Woche waren bereits 20 Lektoren und Agenten auf DEINTEXTDEINBUCH registriert, jetzt sind es schon über 70.

Fast alle Kontakte von Verlagen und Literaturagenturen kenne ich persönlich oder habe schon einmal mit ihnen zusammengearbeitet. Ich weiß also, wer dahinter steckt, und ich weiß, dass sie seriös arbeiten. Natürlich wird nicht jeder Interessent zugelassen; ich lehne pro Woche bestimmt zwei Verlage und Agenturen ab.

Ich habe mich dem Prinzip verschrieben: Auf keinen Fall Zuschussverlage. Autoren sollen ein sicheres Umfeld haben.

Der zweite Vorteil: Die Website ist technisch sicher, Autoren brauchen sich nicht vor Ideenklau zu fürchten. Wir haben den höchsten Sicherheitsstandard. Als Autor sieht man außerdem nur sein eigenes Manuskript und nicht die Manuskripte anderer Autoren.

Der dritte Vorteil ist, dass Autoren von mir Hilfestellung bekommen. Das bauen wir gerade weiter aus. Das System steckt noch in den Kinderschuhen und ich muss gucken, was funktioniert und was nicht. Wir möchten Autoren z. B. bei Bedarf dabei unterstützen, gute Kurztexte zu schreiben. Denn für Autoren ist es manchmal schwierig, die nötige Distanz zu dem eigenen Buch aufzubauen.

Ein wichtiger Tipp: Ungünstig ist auch, wenn Autoren leserunfreundlich formatieren, also zu viele Zeichen auf eine Seite packen. Kein Lektor hat Lust, umzuformatieren, bis er den Text gut lesen kann.

Je besser Autoren sich selbst und ihren Text präsentieren können, desto größer ist die Chance auf Erfolg. Sie sollten immer den Blick auf den Markt richten und sich z. B. ansehen, welche Genres funktionieren. Wie erzeuge ich Spannung? ist auch eine Frage, die für angehende Autoren sehr wichtig ist.

Verbleiben die Rechte am Text beim Autor?

Absolut, ja. Mit den Rechten habe ich gar nichts zu tun. Hinter DEINTEXTDEINBUCH steckt kein Provisionsmodell, ich mische mich nicht in die Verhandlungen ein. Ich möchte nicht noch ein dritter Player sein, denn die Vertragslagen sind so schon komplex genug. Dann muss da nicht noch eine Plattform drinhängen. Die Rechtslage ist auch ganz klar in den AGB vermerkt, die eine darauf spezialisierte Anwältin ausgearbeitet hat.

Was kostet die Teilnahme bei DEINTEXTDEINBUCH?

Wir bezeichnen die Zahlung als Service-Gebühr – dabei geht es uns um die Einmaligkeit; dass danach keine weiteren Kosten entstehen, das ist uns wichtig.

Die Preise pro Leseprobe:

  • 2 Monate: 49 €
  • 4 Monate: 79 €
  • 6 Monate: 99 €

Diese Laufzeiten habe ich danach gewählt, was realistisch ist. Wir hätten auch eine Woche anbieten können, doch das ist unrealistisch. Lektoren gucken maximal einmal pro Woche nach neuen Texten und da stehen bei einem so kurzen Zeitraum die Chancen schlecht.

Wie haben Sie die Preise berechnet?

Da meine Website keine direkte Konkurrenz hat, habe ich die Preise mit Investitionen für Einsendungen abgeglichen: Wie viel würde es kosten, wenn ich meine Manuskripte per Post an verschiedene Verlage schicke?

Um mal mit einem Irrglauben aufzuräumen: Die meisten Verlage wollen Manuskripte nach wie vor per Post erhalten und nicht per E-Mail. Durch E-Mails können potentiell Viren und Trojaner in das Verlags-System eingeschleust werden. Bei meinem alten Arbeitgeber hatten wir z. B. die klare Anweisung, per E-Mail eingesandte Manuskripte zu löschen.

Die Preise basieren also auf einer Art Mischkalkulation: Die Gebühr ist hoch genug, dass sich die Autoren genau überlegen, welchen Text sie einstellen und niedrig genug, um sich dafür zu entscheiden. Anfangs hatten wir den Service kostenlos angeboten, doch seitdem wir die Gebühr eingeführt haben, ist die Qualität der Texte einfach besser geworden. Autoren sind nun sorgfältiger, wenn sie ihre Texte hochladen.

Wie stehen die Chancen heute, als unbekannter Autor seine Manuskripte an Verlage zu senden?

Man hat natürlich immer eine Chance. Ich kann das mal aus meiner persönlichen Erfahrung schildern: In sieben Jahren bei Ullstein habe ich mir regelmäßig unverlangt eingesandte Manuskripte angesehen. In diesen sieben Jahren habe ich zwei Autoren gefunden. Das liegt nicht daran, dass alle anderen so schlecht waren, sondern an der Effizienz. Man bekommt 10 Manuskripte pro Tag – in unterschiedlichen Formen, mit Heftklammern, mit zweiseitigem Anschreiben usw.

Oft haben wir auch Fantasy oder Kinderbücher geschickt bekommen, die bei Ullstein gar nicht erscheinen, die fliegen natürlich gleich raus.

Der Output bei diesen „unverlangt eingesandten Manuskripten“ liegt pro Monat vielleicht bei einem Manuskript. D. h. dieses eine habe ich mir genauer angesehen und ggf. mit Kollegen besprochen. Bei einigen Verlagen wurde schon überlegt, die Annahme unverlangt eingesandter Manuskripte ganz abzuschaffen, denn nach wie vor ist das System nicht optimal.

Man muss auch bedenken, dass Deutschland eines der produktivsten Länder der Welt in Sachen Bücherschreiben ist. Es gibt eine bunte Verlagswelt, aber auch viele Autoren. Die Konkurrenz unter den Autoren ist riesig, riesig, riesig. Dann kommt noch der seit Jahrzehnten anhaltende Trend hinzu, dass wir viel übersetzen. Diese internationalen Autoren besetzen ja Programmplätze. So haben deutsche Autoren nur noch eine 60 %-ige Chance, einen Platz zu ergattern, denn ca. 40% der belletristischen Texte sind laut Börsenblatt des deutschen Buchhandels weiterhin Übersetzungen.

Der Markt wird Gott sei Dank durch das E-Book wieder größer. Jetzt haben Autoren neue Programmplätze (z. B. in Digital-Verlagen), die Chancen werden wieder größer, verlegt zu werden, auch durchs Self Publishing. Ich finde das großartig! Ich glaube aber, beim Self Publishing ist ein ganz wichtiger Faktor, sich selbst verkaufen zu können. Und man muss Lust darauf haben. Ich kenne einige Autoren, die enttäuscht sind vom Self Publishing: sich selbst zu vermarkten ist auch anstrengend und nicht jedermanns Sache.

Warum sind die Chancen auf Ihrer Plattform höher als beim Einsenden eines unverlangten Manuskriptes?

Meine Idee ist es, den Einsende-Prozess in die digitale Welt zu heben. Das steigert die Chancen, weil Lektoren bzw. Agenten gezielt suchen können. Sie wählen für sie interessante Begriffe oder Genres aus. Ihnen werden dann alle passenden Autoren angezeigt.

Das ist effizient und vermeidet den Frust, sich erst durch Papierstapel zu kämpfen, um einen relevanten Text zu finden. Ein Autor wird also von einem Lektor/Agenten gefunden, der genau in dem Genre sucht, in dem der Autor schreibt. Eine große Hürde ist damit schon mal genommen.

Was versprechen Verlage sich von einer Mitgliedschaft?

Die Registrierung ist für Verlage und Agenturen bewusst kostenlos gewählt, weil ich natürlich so viele wie möglich drauf haben will. Sie haben die Möglichkeit schnell und effizient nach neuen Autoren zu suchen: Einfach Genre auswählen oder Suchbegriff eingeben, Ergebnisse durchklicken.

Auf einen Blick sehen Lektoren/Agenten, ob ein Text für sie interessant ist oder nicht. Die ca. 30-seitige Leseprobe ist auch schnell gelesen. Und mit einem Klick wird der Autor kontaktiert. Die Suche ist also unkompliziert und geht fix.

Genau deswegen nutzen auch schon 50 Lektoren und Agenten von verschiedensten Verlagen/Agenturen diese Möglichkeit. Und drei Autoren sind in den ersten 6 Wochen auch schon vermittelt worden!

Wie sorgen Sie dafür, dass ein Manuskript Aufmerksamkeit auf der Plattform erhält?

Ich sorge gar nicht dafür, sondern bin komplett neutral. DEINTEXTDEINBUCH ist bewusst komplett werbefrei gehalten und damit auch frei von jeder Beeinflussung. Kurztext und Vita sprechen für das Buch. Ich möchte einfach allen Autoren eine Möglichkeit geben, bei einem Verlag oder einer Agentur unterzukommen – Geschmäcker sind verschieden und jeder Lektor oder Agent sucht etwas anderes.

Angenommen, ich entscheide mich um und möchte mein Manuskript von DEINTEXTDEINBUCH löschen. Geht das?

Das geht. Wir wollen noch einen Deaktivieren-Button einrichten, um es nur offline zu schalten. Aber schon jetzt können Autoren ihre Texte löschen, das ist überhaupt kein Problem.

Bildquelle: Photografics Berlin

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