Das ideale Schreibtempo

Selbst ein schwerer Autounfall konnte Stephen Kings enormes Schreibtempo nicht bremsen. Noch während er sich erholte, begann er mit den Arbeiten an seinem Roman Dreamcatcher*. Das wirklich Kuriose daran: Er schrieb den Roman nur mit Stift und Papier. Ob ein solcher Arbeitseifer angesichts dieser Umstände gesund ist, bezweifle ich.

Doch diesem Ehrgeiz hat King es zu verdanken, dass er zur Riege von Schriftstellern gehört, die einen Bestseller nach dem anderen heraus bringen. Mehr als 40 veröffentlichte Bücher kann er inzwischen vorweisen – die Werke unter seinem Pseudonym Richard Bachmann nicht mitgezählt.

Zugegeben: Einige Schriftsteller „schummeln“ und beschäftigen Co-Autoren, die sich um Recherche, Konzeption und Textbausteine kümmern. Solche Co-Autoren müssen neben Talent vor allem eines mitbringen: Ein ordentliches Tempo. Denn der Verlag möchte Stars in seinem Programmen vertreten sehen – am besten das ganze Jahr über.

Jetzt aber Tempo

Der Meister der amerikanischen Horrorliteratur ist kein Einzelfall. Der belgische Schriftsteller Georges Simeon soll einige seiner Romane in wenigen Tagen heruntergeschrieben haben.

Allerdings sind solche Behauptungen mit Vorsicht zu genießen. Denn Simeon war bekannt dafür, ein Experte auf dem Gebiet der Selbstvermarktung zu sein. Fest steht jedoch, dass er mehr als 100 Romane in seinem Leben geschrieben hat.

Das richtige Tempo für Sie

„Geschwindigkeit ist kein Gradmesser für Können.“

Dieses Zitat stammt vom deutschen Aphoristiker Erich Ellinger und zeigt die Bedeutung von Schnelligkeit. Orientieren Sie sich nicht am Tempo anderer Autoren. Viel wichtiger ist, was am Ende Ihrer Arbeit heraus kommt. Werfen wir einen Blick hinter die Kulissen unserer Beispiel-Charaktere Lisa und Daniel. Dann wird deutlich, warum der schnellste Weg nicht der beste ist.

Erste Illustration zum Beitrag: Das ideale Schreibtempo

Daniel missachtet sein Tempo.

Daniels Leben ist hektisch. Er muss seinem anstrengenden Job in der Firma nachgehen. Seine Freunde, die Familie und seine Partnerin verlangen ebenfalls einen Teil seiner Zeit. Doch da ist noch eine Aktivität, der Daniel immer einen Abschnitt seines Tages einräumt.

Jeden Abend hat er geschrieben und einen Roman herausgebracht. Sein Erstling wird ein Erfolg – ein Bestseller, der in Talkshows auf rotierenden Glaspodesten angepriesen wird.

Daniel hat Blut geleckt: Innerhalb von drei Wochen will er den Nachfolgeband an seinen Verlag schicken. Obwohl er überfordert und abgespannt ist, hängt er sich rein. Er weiß, er kann es schaffen.

Daniel schläft fortan nur noch drei Stunden jede Nacht, um ein ordentliches Tempo vorzulegen. Was folgt, ist ein Buch, das bei den Lesern nicht gut ankommt. Auch die zuvor begeisterten Feuilletons haben für Daniels Nachfolgewerk wenig übrig.

Job und Familie haben unter Daniels Übereifer gelitten. Darüber hinaus ist er unausgeglichen und gesundheitlich angeschlagen.

Dem eigenen Tempo folgen

Zweite Illustration zum Beitrag: Das ideale Schreibtempo

Lisa bleibt entspannt.

Lisas Lebensumstände sind ähnlich wie Daniels. Sie hat zur selben Zeit wie er ein Buch herausgebracht, das sich jedoch weniger gut verkauft. Deshalb möchte auch sie möglichst schnell ein Nachfolgebuch veröffentlichen.

Doch Lisa weiß, dass Qualität etwas Geduld braucht. Lisa entscheidet sich für ein behutsames Vorgehen und  kann so weiterhin ihren beruflichen und privaten Verpflichtungen nachgehen.

Wenn der Tag von der Nacht abgelöst wurde, setzt sie sich an ihr Manuskript und lässt ihrer Inspiration freien Lauf. Wenn Sie müde ist oder keine neuen Ideen kommen, klappt sie den Laptop zu und gönnt sich Ruhe.

Was glauben Sie, welcher Autor das bessere Buch schreiben wird? Als Leser gedulde ich mich gern. Auch wenn ich die Wartezeit bei meinen Lieblingsautoren schwer aushalte. Doch das ist mir lieber, als halb Gares serviert zu bekommen. Man will ja auch kein Hühnchen essen, das innen noch rosa ist.

Die Meinung eines Experten

Bestimmt kennen Sie den berühmten Satz von Ernest Hemingway: „Der erste Entwurf ist immer scheiße.“ Glauben wir Hemingway, dann braucht jeder Text – und hat er noch so viel Potenzial – eine Zeit für Überarbeitung.

Dem kann ich mich nur anschließen. Meine Blogbeiträge, Artikel und Romankapitel durchwandern mehrere Korrekturläufe. Erst dann bekommt der Kunde bzw. der Publisher die fertige Arbeit. Nur so kann hochwertiger Content entstehen.

Das optimale Tempo?

Ein Text muss in Hinblick auf Kongruenz geprüft werden: Sind Kasus, Numerus und Genus stimmig? Sind die inhaltlichen Aussagen wahr und richtig? Gibt es Redundanzen oder Füllwörter? Unerlässlich ist auch die Prüfung von Rechtschreibung und Grammatik. Online-Tools sind hier eine sehr nützliche Hilfe.

Gehen wir auf das Beispiel der Buchveröffentlichung zurück, dürfen wir nicht die Arbeit am Cover vergessen. Insbesondere kleine Verlage erwarten vom Autor, dass er sich um die Illustration seines Werkes selbst kümmert. Und ein knackiger Klappentext muss auch formuliert werden. Schließlich ist das der Punkt, auf den der potenzielle Leser anspringt.

Stellen Sie sich vor, jeder Autor müsste all diese Schritte machen. Die Wahrheit ist: Oft genug tut er das auch. Entweder, weil er komplett auf sich allein gestellt ist und von keinem Verlag unterstützt wird. Oder aus der Überzeugung heraus, er könne sein Werk selbst lektorieren.

Selbst wenn das stimmt – nicht alles was Sie können, müssen Sie auch machen. Bei einer großen Fülle von Text lohnt es sich, die Aufgabe an einen Lektor weiterzuleiten. So nehmen Sie unnötiges Tempo aus Ihren Projekten.

Autoren großer Verlagshäuser bekommen Arbeit abgenommen. Wenn Sie (noch) nicht zu denen gehören, müssen Sie sich eigene Kontakte suchen.

Finden Sie Ihr Tempo

Ihr Schreibtempo kann sich erheblich von Ihrem beruflichen Arbeitstempo unterscheiden. Viele Aufgaben erledigen Sie in ihrem Job routiniert. Und bedenken Sie die jahrelange Ausbildung, die Sie auf die Stelle vorbereitet hat.

Noch etwas kann Ihren Schreibfluss bremsen. Oder besser gesagt, noch jemand. Der innere Kritiker könnte ein Problem mit Ihren schriftstellerischen Ambitionen haben. Erst recht, wenn Sie in der Vergangenheit keine positiven Resonanzen auf Ihre künstlerischen Schritte bekamen.

Entscheidend für Ihr eigenes Tempo ist auch die Erfahrung. Wenn Sie gerade erst mit dem Schreiben begonnen haben, werden Sie wahrscheinlich nicht so schnell flüssige Texte verfassen wie ein geübter Autor. Doch das ist kein Grund zu verzagen! Bleiben Sie dran und erwarten Sie nicht zu viel auf einmal.

Einige Ratgeber empfehlen, täglich zu schreiben und eine bestimmte Wortanzahl von z. B. 50 Wörtern zum Ziel zu setzen. Ich halte diese Methode im Großen und Ganzen für einen guten Einstieg.

Allerdings finde ich das vorgegebene Tempo stark angezogen. Von ab und zu mal schreiben ist es doch ein gewaltiger Sprung, täglich in die Tasten zu hauen. Ich würde Ihnen eher empfehlen, alle zwei Tage zu schreiben und wann immer Sie Lust darauf haben. Ihr Tempo können Sie nach Belieben steigern. Vergessen Sie nur nicht sich selbst und Ihr Leben dabei. Sonst tappen Sie in dieselbe Falle wie unser übereifriger Autor Daniel.

Immer mit der Ruhe

Nach und nach entwickeln Sie ein Gefühl für Ihr Tempo. Sie können auch effektive Techniken wie Brainwriting nutzen, um Ihr Tempo zu steigern. Üben Sie, dann werden Sie merken, wann Sie sich zuviel zumuten und es an der Zeit ist, einen Gang zurück zu schalten.

Illustrationen: Marie Erdmann

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