E-Books: Revolution oder Rückschritt?

Ein Buch, wenn es so zugeklappt daliegt, ist ein gebundenes, schlafendes, harmloses Tierchen, welches keinem was zuleide tut. Wer es nicht aufweckt, den gähnt es nicht an; wer ihm die Nase nicht grad zwischen die Kiefern steckt, den beißt’s auch nicht.

– Wilhelm Busch

Millionen Euro werden jedes Jahr in den E-Book-Markt investiert. Ständig gibt es neue Reader, die noch angenehmer, noch echter, noch näher am gedruckten Buch sein sollen. Die Werbung setzt alles daran, uns das Lesevergnügen in digitaler Form schmackhaft zu machen. Doch das ändert alles nichts daran, dass das E-Book hierzulande wenig Anklang findet.

Warum ich keine E-Books mag

Ein Buch zu lesen ist ein aktiver Prozess. Der Leser muss sich konzentrieren, sich mit einer Fülle von Wörtern und Sätzen bewusst auseinander setzen, wenn er ihren Inhalt verstehen will (bei Schund ist das natürlich wesentlich einfacher). Nicht umsonst heißt es, man nimmt sich Zeit für ein Buch. Das Lesen eines Buches ist also das komplette Gegenteil von schnellem, passivem Konsum.

1. Nur das echte Buch ist ein sinnliches Erlebnis

Buchfans wissen: zum Lesen gehört mehr als der reine Text. Es ist das Gefühl, ein Kunstwerk in den Händen zu halten, das Knistern der Seiten zu hören, den druckfrischen Duft einzusaugen, mit den Fingerspitzen über die Prägung des Einbandes zu fahren und am Abend müde und zufrieden ein Lesezeichen zwischen die Kapitel zu legen. Lesen ist ein Abenteuer, das mehrere Sinne stimuliert. Ein E-Book kann all das nicht. Es ist lediglich Text auf einem Bildschirm.

2. Gedruckte Bücher sind greifbar

Ein gedrucktes Buch ist eine materielle Schöpfung. Wie ein Filmliebhaber, der sich DVDs oder Blu-rays in sein Regal stellt, brauche ich reale, greifbare Bücher. Es ist das Paradoxon unserer Gegenwart: Es gibt so viele Informationen wie nie, aber wir haben das Lesen verlernt. Der Philosoph Byung-Chul Han schreibt in seinem hervorragenden Buch Im Schwarm: Ansichten des Digitalen dazu:

Die digitale Kommunikation nimmt nicht nur spektrale, sondern auch virale Formen an. Sie ist insofern ansteckend, als sie unmittelbar auf emotiver oder affektiver Ebene erfolgt. Die Ansteckung ist eine posthermeneutische Kommunikation, die eigentlich nichts zu lesen oder zu denken gibt. Sie setzt keine Lektüre voraus, die sich nur begrenzt beschleunigen lässt. Eine Information oder ein Content, auch mit sehr geringer Signifikanz, breitet sich wie eine Epidemie oder Pandemie rasend im Netz aus. Kein anderes Medium ist zu dieser viralen Ansteckung fähig. Das Schriftmedium ist dafür zu träge.

Doch gerade diese Trägheit hebt das Buch als echtes Schriftmedium vom viralen E-Book ab. Ähnlich verhält es sich mit anderen Sehnsüchten in Richtung Retro: die Rückkehr zur analogen Fotografie, der bewusste Verzicht auf Fernsehen, der Kauf saisonaler und regionaler Lebensmittel im Sinne von Slow Food. Das Buch, ein jahrhundertealtes Kunstprodukt, schwingt ganz im Geiste dieser Entschleunigung.

3. Das Produkt E-Book wird mir aufgezwungen

Mit E-Books ist es so ähnlich wie mit Tablets: in der Werbung sind sie omnipräsent und wenn man es genau durchdenkt, fragt man sich, wofür diese Neuerungen eigentlich gut sind. Ich selbst hatte für kurze Zeit ein Tablet und konnte überhaupt nichts damit anfangen. Zum flüssigen Schreiben fehlte mir eine ordentliche Tastatur und auf die Vorteile eines Smartphones musste ich auch verzichten.

Anscheinend geht es nicht nur mir so. Betrachten wir eine Infografik von Statista zum Thema E-Books sah die Einschätzung für Europa bis vor Kurzem mau aus:

Infografik: Europa beibt beim eBook skeptisch - Prognose eBook-Ausgaben bis 2016 | Statista

Inzwischen gehen Erhebungen von einer Zunahme des E-Book-Konsums aus. Doch in welcher Höhe? Laut der Umfrage E-Books und Reader gaben 21 Prozent der Befragten an, im Jahr 2017 gerade einmal 5 Euro für E-Books ausgegeben zu haben. Weitaus weniger als für eine Netflix-Flatrate.

Auch der Buchreport zeigt eine interessante Entwicklung: Nämlich eine Zuspitzung der Zielgruppe auf sogenannte Vielleser, für die andere Medien wie Film und Fernsehen uninteressant sind. Dem gegenüber steht die breite Masse an Konsumenten, die immer stärker auf leicht verdauliche Unterhaltung wie Streamingdienste umsteigen. Es bleibt also verworren und unklar, wie erfolgreich das E-Book in Zukunft tatsächlich sein wird.

Alles sofort und jederzeit

Mittlerweile ist jede Form von Kunst digital und sofort verfügbar. Filme bekommen wir genau wie Musik on demand (ein guter Kandidat für das Unwort des Jahres) – selbstverständlich alles in HD bzw. in glasklarer Klangqualität. Doch gibt es Künstler, die sich diesem Trend widersetzen.

So weigerte sich Quentin Tarantino, für den Filmsoundtrack von Django Unchained digital aufpolierte Versionen älterer Songs zu verwenden. Stattdessen überspielte er den Klang seiner eigenen Schallplatten – inklusive den typischen Knack- und Knarzgeräuschen seines Schallplattenspielers. Im Booklet des Soundtracks schreibt der Regisseur:

I even kept the sounds of the needle being put-down on the record. Basically because I wanted people’s experience to be the same as mine when they hear this soundtrack for the first time.

Die Vorteile von E-Books sind in Wahrheit Nachteile

Das Konsumprodukt E-Book kommt genau zur richtigen Zeit. Nur ist das kein Kompliment. Der Mainstream ist voll auf die Technik ausgerichtet – Google Glass inklusive. Das E-Book ist nur die logische Konsequenz dieser Entwicklung. Warum auch nicht, schließlich ist es doch günstiger und viel bequemer zu kaufen, oder? Betrachten wir kurz die vermeintlichen Vorteile von E-Books:

1. E-Books sind billiger als gedruckte Bücher

Das stimmt nur bedingt. Durch die Buchpreisbindung gibt es in Deutschland nur einen unwesentlichen Unterschied.  Zwar gibt es auch von meinen Büchern E-Book-Versionen zu erwerben, die preiswerter sind als die gedruckten Exemplare. Das ist auch logisch, da so die Kosten für Papier und Produktion gespart werden. Doch wir bezahlen einen zu hohen Preis dafür – womit wir beim nächsten Punkt wären.

2. E-Books lassen sich schnell überspielen

Ein E-Book ist unendlich reproduzierbar und wird in Sekundenbruchteilen an Geräte verschickt. Praktisch, aber mehr als eine schnöde Datei auf unserem Reader bekommen wir nicht für unser Geld. Anders als echte Bücher können wir E-Books (von speziellen Aktionen einmal abgesehen) nicht an Freunde verleihen oder nach dem Lesen verkaufen. Hinzu kommt, dass viele E-Book-Dienste sich vorbehalten, einzelne Titel oder sogar die ganze Bibliothek eines Nutzers zu löschen (z. B. bei AGB-Verstößen).

3. Die Auswahl ist vielfältig

Das trifft leider auch auf die vielen verschiedenen Dateiformate zu. Diese unterschiedlichen Formate und der hauseigene Kopierschutz von E-Book-Anbietern machen das Chaos perfekt – so läuft das gängige ePub-Format nur mit aufwendigen Konvertierungen auf Kindle-Geräten und auf Apple-Readern. Dass dahinter keinerlei technischer Nutzen steckt, sondern Marketingkalkül, dürfte klar sein.

Die Monopolisierung durch Konzerne können wir in der Buchbranche immer wieder beobachten. Dazu brauchen wir nur zurück zum Streit um E-Books zu gehen.

Eine schnelle Alternative

E-Books bieten eine Alternative zu klassischen Wegen. Ein Beispiel hierfür ist der Verlag Dotbooks. Doch leider bleibt es eben ein E-Book.

Auch die Möglichkeit des Direct Publishing sei hier erwähnt – einige Dienste wie BoD E-Book bieten eine sofortige Veröffentlichung und damit den Direktverkauf mit 70 % Marge an. Der Nachteil hier: Das eigene Buch wird nicht nochmal lektoriert. Sie allein sind verantwortlich für Inhalt, Marketing und Rechtschreibung.

Wann sind E-Books sinnvoll?

Für Anleitungen und Sachbücher sind E-Books ziemlich praktisch – können darin doch wie in einem Blogartikel hilfreiche Links und Querverweise eingebaut werden. Hier reden wir jedoch von Informationsbeschaffung und nicht von Lesevergnügen.

Ein E-Book ist in diesem Zusammenhang ein Ratgeber. So biete ich auch meinen Newsletter-Abonnenten E-Books wie den Leitfaden “25 Tipps für mehr Charisma” an.

Auch bei Kurzgeschichten halte ich das Format für sinnvoll. Zusammen mit einem Cover ist das E-Book dann eine leichte Kost, die sich gut auf einem Reader macht.

Fazit

E-Books sind sinnvoll, wenn es denn um die Praxis geht, d. h. in Form von Anleitungen oder sachlichen Abhandlungen. Auch als Kurzgeschichten eignen sie sich durch ihre Schlankheit perfekt. Geht es aber um die Qualität des umfassenden Lesens, wollen all unsere Sinne in das Abenteuer Buch einbezogen werden – und das ist etwas, wozu das E-Book meiner Meinung nach nicht imstande ist.

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