Biografie: Was sie Ihnen verrät

In der neunten Klasse mussten wir Leben des Galilei* von Bertolt Brecht lesen. Ich sage absichtlich, wir mussten, weil wir wenig Spaß daran hatten. Obwohl die Biografie von Herrn Galilei spannend ist.

Woran das lag? Statt Diskussionen über Staat und Kirche, kurz über Galileis Spannungsumfeld zu führen, nahmen wir Absatz für Absatz dieses Werkes auseinander. Ein weiterer entscheidender Punkt war der Lebensabschnitt. Mit 15 eine Biografie über Galilei zu lesen ist in etwa so sinnvoll wie mit 80 einen Ratgeber über den Start ins Berufsleben zu studieren. Die Lebenswelten passen nicht zum Text.

Wir müssen uns in die Person, um die es geht, hineinversetzen können. Erst dann stoßen wir auf Bekanntes, können ihre Lage nachvollziehen oder deren Gefühle nachempfinden.

Biografie: Der geheime Tor-Öffner

Lesen wir eine Biografie, wollen wir eintauchen in die Sphären der Politiker, Schauspieler und Macher. So fühlen wir uns diesen Persönlichkeiten nahe. Wir gewinnen den Eindruck, etwas Neues von ihnen zu erfahren, das nicht in der Presse oder in einem Interview steht. Wir haben uns quasi ein Exklusivrecht mit dem Kauf einer Biografie gesichert – darin muss etwas stehen, zu dem Nicht-Leser keinen Zugang haben.

Was ist der Reiz der Biografie?

Dabei unterscheide ich zwischen zwei Personengruppen, die uns interessieren:

  1. Menschen mit Herausforderungen bzw. Schicksalsschlägen
  2. Prominente

Oft überschneiden sich diese Gruppen, was dann besonders spannend ist. Widmen wir uns zunächst den Menschen der ersten Gruppe. Diese üben einen großen Reiz auf den Leser aus, auch wenn sie nicht berühmt sind. Entweder zeichnen sie sich durch einen außergewöhnlichen Beruf aus oder sie erzählen von ihrem harten Weg durchs Leben. Je mehr der Leser das Gefühl bekommt, einen bodenständigen Menschen kennen zu lernen, desto mehr kann er sich identifizieren. Eine Nähe entsteht.

In Endstation Kabul* kommt ein aus Afghanistan zurückgekehrten Bundeswehr-Soldat zu Wort. Der Fallschirmjäger Wohlgethan berichtet, wie er die Einsätze vor Ort erlebte. Stellen Sie sich vor, eine Afghanin veröffentlicht zeitgleich ihre Biografie. Sie hat den Sturz der Taliban und die Einsätze der ISAF ebenfalls miterlebt. Beide Personen berichten über die gleichen Ereignisse – aber haben unterschiedliche Blickwinkel. Das macht ihre Schilderungen so spannend. Empfehlenswert ist in diesem Zusammenhang auch der Erlebnisbericht Vier Tage im November* des Fallschirmjägers Johannes Clair.

Bücher zum Thema*

Prominente rücken näher

Lesen wir die Biografie einer Berühmtheit, hoffen wir, etwas über den Menschen hinter den öffentlichen Auftritten zu erfahren. Wir sind neugierig darauf, was uns die Person mitteilt – schließlich haben wir uns mit dem Griff zum Buch bewusst dafür entschieden.

Gerade weil Prominente mit außeralltäglichen Phänomenen wie Ruhm und Rampenlicht zu tun haben, wirken deren Biografien wie das fehlende Puzzlestück – als würden wir denjenigen zu uns nach Hause einladen, damit er oder sie von sich erzählen kann. Wir kaufen uns mit einer Prominenten-Biografie ein Stück Intimität.

Biografie mit Background

Bestenfalls lernen wir in einer Biografie nicht nur den Lebensweg, sondern auch das Umfeld der Person kennen. Wenn ein Minister von den Diskussionen im Kabinett berichtet. Wenn ein Regisseur Einblicke hinter die Kulissen seiner Filme liefert. Wenn ein Firmengründer schildert, wie sein Erfolg durch harte Arbeit und Inspiration kam.

Ein Werk mit Mehrwert

Viel interessanter als die Frage, von wem eine Biografie handelt, ist der Nutzen für den Leser. Denn wir tauchen nicht nur in die unterschiedlichsten Leben ein. Wir erfahren, wie der Weg eines Menschen verlaufen ist. Wie steinig er war, welche Hürden es gab, welche Fehler die Person auf dem Weg zum Ziel gemacht hat oder wie die Genesung einer schweren Krankheit verlief.

Ein Sachbuch?

Die Biografie genießt den ausgezeichneten Ruf hoher Sachlichkeit. Aber stimmt das auch? Wie wir gerade festgestellt haben, sind Biografien etwas höchst Subjektives. Das Gedächtnis eines Menschen funktioniert nur lückenhaft und selektiv. Ein Problem, mit dem die Polizei weltweit zu tun hat, wenn es um verlässliche Zeugenaussagen geht.

Insbesondere bei Ereignissen ohne Zeugen kann niemand die Wahrheit einer Aussage überprüfen. Auch lassen sich Ereignisse, die stattgefunden haben, vielfältig interpretieren. Aus einem Angriff wird dann Selbstverteidigung oder aus einem Vitamin-B-Vertragsabschluss ein glücklicher Zufall.

Auslassungen verklären eine Biografie genauso wie Fehldeutungen. Daher gilt – je belegbarer die Aussagen der Person sind, desto näher sind sie wohl an der Wahrheit.

Denken Sie an den Geburtsmythos von Kim Jong-il. Glaubt man seiner Biografie, ist er am Fuße des symbolträchtigen Berges Paektusan geboren. Ein doppelter Regenbogen und ein Stern sollen kurz darauf den Himmel erleuchtet haben. Die Wahrheit ist ernüchternd: Er kam in einem Ausbildungslager im sowjetischen Dorf Wjatskoje zur Welt.

Biografie: Lebenserfahrung zum Nachlesen

In Zwei Leben* schildert Samuel Koch seine Auseinandersetzung mit seinem Schicksalsschlag. Innerhalb von Sekundenbruchteilen änderte sich sein Leben dramatisch. In seiner Biografie Krieg beenden – Frieden leben* erzählt Claude AnShin Thomas von seiner Wandlung vom Soldaten zum Mönch. Diese Menschen sind mitten aus unserer Gesellschaft, Personen wie Sie und ich. Sie haben keinen Promibonus.

Durch sie können wir unbezahlbare Erkenntnisse machen, ohne selbst die dafür erforderlichen Schrecken und Leiden durchleben zu müssen. Philosophen nennen diese Erkenntnisse a priori – vor der Erfahrung.

Unglaubwürdige Biografien

Leser lassen sich nicht gern betrügen. Wenn eine Biografie Schund enthält, ist die Glaubwürdigkeit dahin. Ein wichtiges Kriterium für deren Glaubwürdigkeit ist das Alter. Ich kenne Leute, die grundsätzlich keine Biografien von Personen unter 25 lesen. Kritiker bemängeln die fehlende Lebenserfahrung. Geht man nach dem klassischen Verständnis der Biografie, ist das tatsächlich paradox.

Die Frage dahinter: Was will mir so jemand vom Leben erzählen? In diesem Zusammenhang wird den Autoren bzw. den Ghostwritern Geldmacherei unterstellt.

Doch es gibt Ausnahmen wie Künstler, die turbulente Berg-und Talfahrt des Erfolges schon vor dem Eintritt ins Erwachsenenalter erlebten. Personen, die symbolisch für eine ganze Generation stehen oder etwas Außergewöhnliches geleistet haben. Das klassische Beispiel für derartige Fälle sind Kinderstars aus Film- und Musikindustrie.

Vertrauen Sie einer Biografie?

Die Zweifel an der Echtheit einer Biografie müssen nichts mit dem Alter des Autors zu tun haben. Wenn es sich bereits um die dritte Lebensgeschichte derselben Person handelt, Verleumdungen und Falschbehauptungen auftreten oder alles davon zusammenkommt – dann hat die Biografie ihr Ziel verfehlt. Die Antworten lassen dann nicht lange auf sich warten. Diffamierte Personen beschweren sich oder klagen. Kritiker zerreißen das Buch in bitterbösen Rezensionen. Und Leser strafen sie mit schlechten Online-Bewertungen ab.

Fazit

Heute gehört die Biografie zu den beliebtesten Genres überhaupt. Das liegt vor allem an ihrem Mehrwert für den Leser. Wichtig ist jedoch, dass der Leser die passende Biografie zu seiner inneren Entwicklung liest. Ist das der Fall, kann er viel aus einer Biografie für sein persönliches Leben lernen.

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