„Auf der Suche nach Liebe“ – Stefan Lange über sein Buch “Suicide”

Als junger Mann verliebt Stefan Lange sich im malerischen Sevilla. Doch statt auf Wolke 7 landet er in einer schweren Depression. Nach einem Selbstmordversuch beschließt er: So kann es nicht weitergehen. Nun hat er ein Buch über seine Geschichte geschrieben und engagiert sich ehrenamtlich in der Suizid-Prävention. Im Interview erzählt er, warum dieses Thema noch immer ein Tabu ist und was die Gesellschaft dagegen tun kann.

In Deinem Buch gehst Du offen mit Deinen Gefühlen und Deiner Vergangenheit um. Fiel es Dir schwer, diese privaten Eindrücke zu veröffentlichen?

Nein. Viel schwieriger war das Schreiben selbst, also die Gefühle so in Worte zu fassen, dass sie für Außenstehende verständlich und nachvollziehbar sind.

Welche Erkenntnisse möchtest Du Deinen Lesern mit auf den Weg geben?

Keine bestimmten. Jeder Mensch ist anders und hat andere Erfahrungen im Leben gemacht. Also wird jeder Leser zu einer eigenen Bewertung kommen und seine persönlichen Erkenntnisse gewinnen. Und das ist viel wichtiger als etwas mit auf den Weg geben zu wollen. Zwar berichte ich, zu welchen Erkenntnissen ich selbst gekommen bin, aber der Leser ist frei, eigene Schlüsse zu ziehen.

Du schreibst über den Versuch, dem Jähzorn Deines Vaters zu entkommen. Was genau meinst Du damit?

Nun, das bezieht sich auf eine Aussage am Anfang des Buches. Ich wollte dem Leser vermitteln, warum Züge seit meiner frühesten Kindheit eine zentrale Rolle spielen.

Schon als Kind habe ich mir immer vorgestellt, wie ich einfach in einen Zug einsteige und wegfahre.

Seit ich denken kann, war ich auf der Flucht vor meinem aggressiven und jähzornigen Vater und auf der Suche nach Liebe und Geborgenheit, also seit jeher ein getriebener aber auch suchender Mensch.

Wärst Du weniger gefährdet für eine psychische Erkrankung gewesen, wenn Deine Erziehung anders ausgesehen hätte?

Auf jeden Fall. Psychische Erkrankungen basieren auf zwei Faktoren, genetische und sozialisatorische Faktoren. Das Umfeld, in dem man aufwächst, hat einen entscheidenden Einfluss auf die spätere Entwicklung eines Menschen.

„Vielleicht war ich ja schon verloren, bevor ich geboren wurde“ – dieser Satz findet sich am Anfang Deines Buches. Glaubst Du, dass Dein Leidensweg damals fatalistisch verlief?

Mit der Herkunft und der Geschichte, eher ja. Es ist wohl eine typische Lebensverunstaltung und das konnte nur in die Katastrophe führen, weil ich erst spät, eigentlich viel zu spät die Verantwortung für mein Leben übernommen habe.

Wie hat die Frau von einst auf Dein Buch reagiert?

Das weiß ich nicht. Ich weiß nicht, ob sie es jemals gelesen hat und leider werde ich auch nie eine Rückmeldung erhalten. Sie ist im April gestorben.

Inwiefern werden psychische Erkrankungen bei Männern tabuisiert?

Tabuisiert werden sie allein schon durch das Rollenverständnis und das Selbstbild des Mannes. Männer sind stark, unverletzlich etc. Eine psychische Krankheit wird mit Schwäche und Unfähigkeit assoziiert. Und solange die Rolle Mann so dargestellt wird, fällt es auch schwer, offen darüber zu reden. Und wenn man nicht darüber redet, bietet man dem Tabu viel Raum. Es wird also schlichtweg totgeschwiegen und ignoriert.

Du engagierst Dich ehrenamtlich in der Suizid-Prävention. Wie gestaltet sich diese Arbeit und für wie notwendig hältst Du diese Vorsorge? 

Zum einen versuche ich auf Kongressen und Lesungen einen Eindruck zu vermitteln und den ein oder anderen zu ermutigen, selbst offener mit seinem Schicksal oder seiner Krankheit umzugehen. Zum anderen bin ich in diversen Foren unterwegs und versuche, meine Erfahrungen weiterzugeben. Ebenso unterstütze ich den Berliner Präventionsverein „Freunde fürs Leben e.V.

Ich finde, dass Betroffene mehr Gehör finden sollen.

Wird über Suizid irgendwo berichtet, sitzt immer ein Experte mit am Tisch oder wird zitiert. Diese Experten sind aber Menschen, die nie eine Depression durchgemacht haben. Sie reden also „über“ etwas, statt „von etwas“. Das ist wenig authentisch. Und auch das ständige Rezitieren von Statistiken oder welches Geschlecht nun welche Selbstmordmethode favorisiert, wirkt emotional distanziert.

Wenn wir offener über die Problematik sprechen wollen, müssen wir das auf einer emotionalen Ebene tun, um die Menschen abzuholen. Denn nur so schaffen wir zum einen mehr Verständnis für psychische Leiden und zum anderen können wir die Bereitschaft wecken, darüber offen zu sprechen.

Von daher finde ich meinen Beitrag, gerade als Betroffener, sehr notwendig.

Was würdest Du Deinem früheren Ich, das sich auf den Suizid vorbereitet, heute sagen?

Wunderbare Frage, aber so spontan fehlen mir da die Worte.


Dieses Interview entstand im Rahmen einer Blogtour, organisiert von Tanja Rörsch (Agentur mainwunder). Lesen Sie morgen den Beitrag von Katja auf Miss Rose’s Bücherwelt.

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