Selbstbetrug: Wie Sie garantiert nie zum Schreiben kommen

In einem anderen Beitrag habe ich ein paar Tipps gesammelt, wie Sie sich besser auf das Schreiben konzentrieren können. Allerdings bringen alle Tipps dieser Welt nichts, wenn Sie sich nicht einem Problem stellen, das sehr vielen Autoren begegnet: dem Selbstbetrug.

Nur mal kurz bei Facebook rein

Vor zwei Jahren hatte ich mir fest vorgenommen, den Tag straff durchzuziehen und erst am späteren Nachmittag bei Facebook vorbeizuschauen. Soll ich Ihnen sagen, wie oft ich das damals geschafft habe? Nicht ein einziges Mal. Zwar lief Facebook bei mir nicht ständig im Hintergrund, aber ich ging noch immer viel zu oft rein, um zu sehen, „was so los ist“.

Doch damit nicht genug – als Autor und Blogger hat man nicht nur das Problem des normalen Informations-Streams: ein Kompendium von Zeitungsartikeln und dem, was Freunde und Bekannte so teilen. Wer beruflich mit diesen Medien zu tun hat, zum Beispiel im Sinne der Content Curation, läuft noch stärker Gefahr, sich abzulenken. Im Folgenden gibt es daher fünf nicht ganz ernst gemeinte Empfehlungen von mir, wie Sie garantiert nie zum Schreiben kommen.

1. Beschäftigen Sie sich den ganzen Tag mit Social Media

Dank Facebook & Co. können wir uns in Gruppen organisieren, Diskussionen verfolgen und munter liken, posten, teilen etc.

Verstehen Sie mich nicht falsch: Im Grundsatz sind das großartige Funktionen, mit denen wir uns effektiv vernetzen. Durch soziale Netzwerke habe ich zahlreiche neue Blogs entdeckt und viele spannende Menschen kennengelernt, sodass es sich definitiv lohnt, in dieser Hinsicht aktiv zu werden.

Problematisch wird es jedoch, wenn Sie Social Media als Selbstzweck und damit als Selbstbetrug verwenden. Wenn Sie drei Stunden bei Facebook online sind, hat das definitiv nichts mehr mit effektivem Social Media Management zu tun. Und Inspiration kriegen Sie sowieso besser in der Offline-Welt.

Zu lange in den Social Media zu verweilen ist weggeschmissene Zeit, in der Sie nicht geschrieben haben. Der Trugschluss dabei: Wir haben dennoch das Gefühl, etwas geschafft zu haben. Wenn wir uns durch die sozialen Medien klicken und eifrig kommentieren, kann schnell der Eindruck entstehen, wir wären fleißig.

Ich habe dieses Phänomen von zu viel Zeit in den Social Media an mir selbst beobachtet und gemerkt, dass meine Unzufriedenheit wuchs – ich hatte das Gefühl, auf der Stelle zu treten.

Wissen Sie warum? Weil ich auf der Stelle trat. An manchen Tagen hatte ich nichts geschrieben, kein einziges Wort. Und natürlich würden viele jetzt sagen, dass das nicht so schlimm ist und man kann ja mal eine Pause machen usw.

Bücher zum Thema*

Wer sich aber dafür entscheidet, Autor zu sein bzw. es zu werden, für den ist es ein Verlust, nicht zu schreiben. Man muss sich nicht jeden Tag hinter die Tastatur klemmen, das stimmt natürlich. Selbst Stephen King macht am Wochenende Pause und das erscheint mir sinnvoll (er kann es sich mittlerweile aber auch leisten). Das Schreiben soll sich schließlich nicht wie ein Zwang anfühlen, aber Autoren müssen jede Menge Disziplin und Feuer haben, wenn es eines Tages mit der erfolgreichen Veröffentlichung klappen soll.

2. Suchen Sie stundenlang nach dem Geheimtipp für Erfolg

Es ist kaum zu glauben, wie viel kreative Energie einige Autoren in ihre Social-Media-Strategie stecken. Da werden stundenlang alle möglichen Blogs abgegrast, nur um herauszufinden, wann die beste Zeit für einen Post ist, wie das allgemeine Nutzerverhalten der eigenen Zielgruppe aussieht und wie man mit Clickbaiting Aufmerksamkeit erregt. Auch ich lese leidenschaftlich gern Tipps & Tricks, doch die besten Blogger, Autoren, Texter usw. ähneln sich alle in einem Punkt: Sie sagen, dass es keine Abkürzung gibt.

Tipp: Lesen Sie auch den Beitrag: Durchhalten: Der steinige Weg erfolgreicher Autoren

Harte Arbeit ist das Einzige, was zu echtem Erfolg führt. Alles andere ist Mumpitz. Auch Autoren, die „entdeckt“ wurden, mussten zunächst irgendeine Leistung vorweisen, mit der sie von sich reden machten. Schweiß und Tränen, und nicht Likes, Comments und Tweets führen zum Ziel. Verwechseln Sie nicht das Marketing mit der eigentlichen Arbeit – dem Schreiben.

3. Hören Sie auf Ihre Selbstkritik und schreiben Sie nie

Kaum zu glauben, aber wahr: Schreiben ist und bleibt der einzige Weg, wenn Sie Autor werden wollen. Und im Ernst, es ist einfach. Jeder Grundschüler kann schreiben, die Frage ist nur, wie gut Sie schreiben können. Wenn die Selbstzweifel wachsen, die Selbstkritik jeden Versuch, etwas aufs Papier zu bringen, unterbinden will, dann hilft nur Schreiben. Es klingt bitter, aber nur so funktioniert es. Wenn Sie diesen Tipp aufrichtig befolgen, sparen Sie sich eine Menge teurer Schreibcoachings, die genauso zum Selbstzweck werden können wie Social Media.

Sie brauchen keine lückenlose Konzeptionierung, wenn Sie ein Projekt anfangen. Sie brauchen Ehrgeiz, Geduld und Durchhaltevermögen. Nichts weiter. Naja, ein Computer wäre nett, damit Sie Ihre Ideen auch niederschreiben können. Alles andere ist Luxus.

Hauen Sie auch dann in die Tasten, wenn Sie eigentlich keine Lust darauf haben. Ihr Unterbewusstsein wird trainiert und lernt sukzessive, das Schreiben als etwas vollkommen Selbstverständliches wie Essen und Trinken anzusehen. Es ist meine Überzeugung, dass man Schreiben lernt, indem man aktiv wird und natürlich auch viel liest. Das Handwerk lässt sich autodidaktisch aneignen.

Denken Sie an die zahlreichen Schriftsteller, die nie einen Schreibkurs besucht haben, und trotzdem großartige Romane, Kurzgeschichten usw. veröffentlich(t)en. Diese Menschen waren bzw. sind mit der Literatur verheiratet, sie lieb(t)en die Sprache, die Schrift und scheu(t)en keine Mühen. Das und die Bereitschaft, immer an sich zu arbeiten, sowie den eigenen Stil zu entwickeln, führt Autoren zum Erfolg.

4. Stopfen Sie Ihren Terminkalender voll

Planen Sie die kommende Woche stets bis auf die letzte Minute aus. Planen ein weiterer wunderbarer Selbstbetrug – hier können wir mit schicken Kalendern, Business-Apps, Zeitmanagement-Tools usw. Stunden zubringen. Wir arbeiten uns in komplexe Software ein, und damit es sich so richtig lohnt, richten wir dieselbe Software auch auf unserem Tablet und unserem Smartphone ein. Inklusive permanenter Synchronisation.

Um auf wirklich nichts verzichten zu müssen, sollten Sie sich stets den kompletten Tag ausbuchen: Vom Einschalten der Kaffeemaschine am frühen Morgen bis hin zum Auseinanderfalten der Bettdecke am Abend. Versuchen Sie darüber hinaus, allen um sich herum gerecht zu werden und lassen Sie keinen Raum für Spontanität (die ja für Kreativität ganz schädlich sein soll), sondern geben Sie sich jeder Zerstreuung wie zum Beispiel Serien und Partys hin.

5. Arbeiten Sie an mehreren Projekten gleichzeitig

Wenn Sie von Projekt zu Projekt springen, maximieren Sie Ihre Chancen, mit gar nichts fertig zu werden. Am besten öffnen Sie vier Word-Dokumente gleichzeitig und lassen im Hintergrund laute Musik laufen, während Sie ihre Ideen aufschreiben. Springen Sie immer wieder zwischen den einzelnen geöffneten Texten hin und her, damit Sie so richtig durcheinanderkommen.

Übrigens meine ich damit nicht, mehrere Projekte zu haben, an denen man arbeitet. Das tue ich auch, aber zyklisch, nicht auf einmal. Jedes meiner Projekte, egal ob damit ein Roman, das Blog oder ein Job gemeint ist, bekommt Aufmerksamkeit – dann aber auch voll und ganz, ohne Ablenkung oder Hin-und Herspringen.

Fazit

Reduzieren Sie Ablenkungen, um zum Schreiben zu kommen. Trainieren Sie hierfür Charaktereigenschaften wie Disziplin, Durchhaltevermögen, Ausdauer und Konzentration, indem Sie sich immer wieder zum Schreiben aufraffen. Es ist ein harter Weg, besonders am Anfang, aber wer hat jemals gesagt, dass es im Alltag leicht sein würde, Zeit zum Schreiben zu finden? Mit ein wenig Selbstdisziplin gelingt dies jedoch. Ich wünsche Ihnen viel Erfolg dabei. Und jetzt raus aus dem Netz und ran an Ihren Text. ;)

Illustration: Maria John Artwork

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6 Kommentare. Hinterlasse eine Antwort

  • *lach, Super, und das Bild ist großartig!

    Antworten
  • Servus!

    Haha, erwischt. Ich weiß, du hast recht, aber all diese Punkte sind so verlockend – und das “einfach Schreiben” so schwer. Ich werde es dennoch tun! :)

    Das Bild ist wirklich gandios. I like.

    Ganz liebe Grüße aus Wien,
    Ivana

    Antworten
    • Hallo Ivana,

      darauf will ich hinaus. Schreiben ist schwer und die Ablenkungen sind so vielfältig wie nie. In Kürze erscheint in meinem Blog ein Beitrag, der die “digitale Entgiftung” zum Thema hat – und Denkanstöße gibt, wie wir uns davon kurieren können. Dann fällt nämlich auch das Schreiben leichter. ;)

      In diesem Sinne, viele liebe Grüße zurück aus Leipzig,
      Benjamin

      Antworten
  • Hallo Benjamin,
    stimmt, es gibt keinen guten Grund, nicht zu schreiben. Einfach mal offline sein und schreiben, sonst verzettelt man sich total und wieder ist ein Tag vorbei.
    Viele Grüße
    Claudia

    Antworten
    • Hallo Claudia,

      ganz im Sinne der Beharrlichkeit. Und das Schreiben ist so viel gewinnbringender als jede Zerstreuung. Ich meine nicht nur das Resultat dieses Prozesses, sondern auch die Tätigkeit an sich.

      Viele Grüße zurück
      Benjamin

      Antworten

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