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Rezension: Der Fremde (Albert Camus)

Albert Camus: Der Fremde (Buchcover)

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Eine Spurensuche

Ideeller Kämpfer, Journalist und Schriftsteller – Albert Camus hatte ein bewegtes Leben. Sein Erfolgsroman Der Fremde ist weit autobiographischer als es zunächst den Anschein hat. Zwar wurde das Werk bei seinem Erscheinen 1942 nicht als politische, wohl aber als bedeutsame Schau existentieller Fragen verstanden.

Albert Camus pflegte enge Beziehungen zu Algerien, einem Land, das nach jahrelangen blutigen Auseinandersetzungen erst 1962 einen Waffenstillstand mit seinem Besetzer Frankreich aushandeln konnte.

Von einem solchen Waffenstillstand konnte Camus nur träumen, auch wenn sich bereits zu Lebzeiten ein neues Nationalbewusstsein im afrikanischen Staat entwickelte.

Camus studierte Philosophie in Algier und wandte sich anschließend der Politik zu. Hinter diesem Kontext muss Der Fremde gesehen werden.

In der Heimatlosigkeit

Der Fremde ist die Quintessenz aus Camus‘ Philosophie. Im Essay Der Mythos des Sisyphos befasst er sich mit der Absurdität des Lebens.

Demnach könne der Mensch die Absurdität erkennen, annehmen und gegen sie revoltieren. Hier werden erstaunliche Parallelen zu seinem politischen Wirken deutlich: Camus erkannte, nahm an und revoltierte. Der Tod bleibt jedoch als finale Konsequenz der Gipfel der Absurdität, er sei eine „fatale Unabwendbarkeit“.

Sein Roman Der Fremde lässt sich in der Tiefe nur in diesem philosophischen und politischen Zusammenhang verstehen. Der junge Protagonist Meursault wird zum Mörder und wartet fortan auf seine Hinrichtung. Von seiner Umwelt wird Meursault als gottloser und gleichgültiger Mann verurteilt. Er selbst hingegen hat sein Schicksal längst akzeptiert. Seine Gleichgültigkeit ist nicht die Ursache, sondern die Folge seiner inneren Zufriedenheit.

Er macht (und es lässt ihn) kalt

Meursault ist die Verkörperung des Existenzialismus. Tod, berufliche Entwicklungen, der Wunsch seiner Freundin nach Heirat – all das kümmert ihn nicht, berührt nicht seine Emotionen.

Damit wirkt Meursault besonders bedrohlich auf eine Gesellschaft, die festgeschriebene Rituale von ihren Bürgern fordert, also: Bei Todesfällen wird getrauert, mit Zwanzig wird geheiratet, vor Gericht gibt man sich reuig und gottesfürchtig. Dass Meursault all diese Zwänge nicht kümmern, fordert deren vehemente Vertreter derart heraus, dass sie den tragischen Irrtum um die Tat am Strand ignorieren und den Angeklagten unbedingt verurteilt sehen wollen.

Meursault soll endlich zum Schweigen gebracht werden, denn sein eigenes Schweigen ist unerträglich für die, die immer plappern müssen und Wert auf das Gerede anderer legen. Er ist somit die inkarnierte Sinnlosigkeit, der irrationale Abgrund, den eine Gesellschaft mit streng rationalem Weltbild fürchtet.

Meursault ist daher wie der Angeklagte Josef K. in Kafkas Der Prozess in einem grotesken Strudel gefangen, aus dem er mit seiner authentischen Naivität nicht mehr herausgelangt.

Söhne und Töchter der Zeit

Wenn wir Meursault als den personifizierten Existenzialismus sehen, dann werden auch die Rollen der anderen Figuren klar: Erst als seine Mutter stirbt, kann die Geschichte, kann der Roman beginnen. Der Existenzialismus ist nun frei von allen Werten und Moral, Meursault erkennt sich selbst in seiner eigenen Existenz. Kein Überbau, weder ideologisch noch religiös, kann ihn greifen. Der Existenzialismus trifft auf den Namenlosen und es kommt zur grundlosen Kollision beider.

Nun kommen die Deuter ins Spiel: So kann der Staatsanwalt gar nicht anders, als irgendeine Form von Sinn in der Tat zu sehen. Einen Antrieb, ein Begehren. Doch da ist nichts auf dem Urgrund des Existenzialismus, bloß das Sein und nichts anderes als das. Die Justiz behandelt Meursault daher nicht objektiv, sondern in den engen Grenzen ihres eigenen Rechtsverständnisses. So richtet die Gesellschaft über den Existenzialismus wie der Staatsanwalt über den Angeklagten Meursault.

Fazit

Ganz im Sinne des Existenzialismus wird hier kein klassisches Fazit folgen. Nur soviel: Es ist kein Zufall, dass Der Fremde im Paris der schwierigen 1940er Jahre „fehlgedeutet“ wurde, denn eine „richtige“ Deutung gibt es nicht. Der Erfolg des Romans liegt in seiner Nüchternheit – er kann zur Unterhaltung gelesen werden, als existenzialistisches oder aber auch als politisches Werk. Das macht ihn jedoch nicht beliebig, sondern urgründig.

CAMUS, ALBERT: Der Fremde. Roman. rororo, Reinbek bei Hamburg 1997, 160 S., 7,99 €

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